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Tagebuch

Montag, 23.06.2014 – Verlorene Piraten

"Endlich Ficken" 2013
"Endlich Ficken" 2013

 

Nackt – grünes Öl – berliner Gefühle David und Goliat Uterus – der Held im Saal – Komödie und Drama – Decke überm Kopf

 

Einen Traum zu offenbaren ist für mich mehr als nackt sein. Es ist viel intimer, zumal ich gerne auch so einfach mal nackt bin und das per se noch gar nicht so intim finde. Ungeschützt ist man nackt. Ungeschützt ist man, wenn man einen Traum offenbart:

 

Wieder begann mein Traum bei der Erstürmung des gleichen Forts, das ich oft im Traum erstürme. Mit einer mächtigen Waffe in der Hand schieße ich einen nach dem anderen ab. Wie in einem Videospiel, bei dem das Level zu einfach eingestellt ist, nur gefühlt in echt laufe ich durch das Labyrinth.

 

Irgendwann komme ich bei dem Zimmer einer wichtigen Frau an. Ob es eine Frau ist, ist eigentlich unklar, denn die Wesen wirken alle ein bisschen unmenschlich. Eine Dienerin ist entsetzt und rennt panisch umher. „Das Öl, das Öl, wir müssen das Öl beschützen“, ruft sie. Doch mit Gewalt kann sie das grünliche Zeug nicht beschützen, das in einer pizzakartongroßen Schale liegt, denn ich habe die größere Wumme und bin ohnehin der Held im Saal. Die Königin betritt den engen, runden Raum, in dessen Mitte eine Art Tisch steht. Ein Drittel besteht aus Milchglas. Darin befinden sich Apparaturen. Das andere Drittel ist mit Schläuchen und ebenfalls dem Öl gefüllt. Ich nehme etwas von dem Öl aus der Schale und verstreiche es auf meinem Bauch. Es wirkt verschwenderisch. Es fühlt sich sehr sämig und dick an.

 

„Das Öl wird aus dem Uterus gewonnen. Wir haben herausgefunden, wie man fast sechs Stunden nach dem Tod die Gebärmutter noch am Leben erhalten kann und aus ihr dieses Öl gewinnen“, sagt die Königin. Dabei deckt sie die Seite des Tisches ab, der mit Milchglas versehen war. Darin liegt eine nackte Frau mit kurzen blonden Haaren. Sie ist noch lebendig. Ihr Uterus hängt aus ihrem Unterleib, darin stecken Schläuche. Sie ist bis zum Hals in eine Flüssigkeit getaucht und anscheinend noch lebendig. Sie sagt etwas, aber ich kann es nicht verstehen. Sie wirkt nicht traumatisch oder panisch, fast, als ob sie freiwillig hier wäre und sich opfern will. Ob sie weiß, dass sie nur noch weniger als sechs Stunden zu leben hat? Müsste sie nicht eigentlich Tod sein? Die Königin sagt doch, sechs Stunden nach dem Tod könne man Gebärmuttern am Leben erhalten. Aber vielleicht war das hier ja schon eine weitere Stufe? Man gar keine toten Menschen, sondern lebendige, weil sie länger Öl abgeben?

 

Ich wache auf und zittere. Mir ist kalt. Ich wende mich und ziehe mir die Decke bis zum Hals. Habe ich noch eine Decke hier irgendwo? Ich glaube schon. Aber das ist zu anstrengend.

 

Am Abend vor dem Traum habe ich über die sieben Urgeschichten nachgedacht (http://youtu.be/yQxSh1LPFn8). Als Beispiele waren auch die Nazis aufgeführt, die ihre Geschichte von der Herrenrasse erzählten. Die Bezwingung des Monsters (Juden, Bolschewisten, Schwule und Lesben) und die Geschichte des „Quests“, eines Kreuzzuges, einer Mission – einer höheren Bestimmung, die man erfüllen müsse. Wahrscheinich hat mich das in den Schlaf verfolgt.

 

Es ist schon immer wieder erstaunlich, was ein Unterbewusstsein mit einem macht und was für Geschichten es spinnt. Ich schaue wenig Sciene Fiction, spiele keine Computerspiele und bin fernab von extremen politischen oder religiösen Gesinnungen. Mein Verstand scheint mir entweder im Schlaf befreit von der Logik zu sein, denn sonst würden ich ja entdecken, dass manche Sachen keinen Sinn machen. Oder aber, ich befreie mich im Schlaf von gewissen Beschränkungen, den Beschränkungen der Sachlichkeit, und erlaube mir so Geschichten zu erleben, die vielleicht auf einer ganz anderen Ebene einen Sinn ergeben, als auf einer rein logisch fassbaren Ebene.

 

Wenn man einen Traum offenbart, macht man sich angreifbar für Interpretationen, denen man wenig logische Argumente entgegen bringen kann. Träume ich von ewigem Leben? Wer träumt diesen Traum nicht? Die Vergänglichkeit, das Drama unserer eigenen Geschichte, dass wir alle irgendwann einmal sterben werden, wäre mit der Abschaffung des Todes beendet. Letztlich, so scheint mir, sind die Geschichten von der Auferstehung, der Reise und Rückkehr, dem Kampf von Gut gegen Böse, dem Drama und Tragödie doch letztlich gemein, dass sie die Geschichten von unserem menschlichen Dasein erzählen. Der Kampf der Geburt, die Frage warum wir auf dieser Erde sind, wo unser Platz in der Gesellschaft ist. Was können wir dagegen tun, dass die Geschichte unseres Lebens nicht mit Schmerzen endet, was können wir dagegen tun, dass unsere Geschichte überhaupt endet?

 

In all diesen Geschichten steckt für mich auch die Frage, was wir Menschen glauben verstehen zu können. Und damit eng verbunden: Was haben wir in der Hand von unserem Leben? Was können wir beeinflussen? Wo wirken Mächte, die wir nicht erfassen können. Die Hoffnung, dass wir nicht nur auf dieser Erde sind um zu nur zu sein und uns irgendwie fortpflanzen, ist vielleicht die einzige Hoffnung, die niemals sterben wird.

 

Sex erscheint mir auch in diesem Kontext mal wieder der Ausweg zu sein, wenn Dinge zu kompliziert werden. Wenn ich mir den Sinn meines Seins nicht anders erklären kann, dann kann ich ja immerhin noch das machen, wozu ich biologisch bestimmt bin. Meine evolutionäre Bestimmung macht ja auch eine Menge Spaß.

 

Vor einiger Zeit habe einen Artikel über die Veränderung der Partnersuche bei Männern im Westen gelesen. Die Suche scheint von dem gleichen Vereinfachungsmechanismus geprägt zu sein, wie die Suche nach einem weiteren Sinn in unserem Dasein.

 

Früher war die Anzahl potentieller Partner überschaubar. Es waren die Menschen im Umfeld. Dort nahm man, was man abbekam. Um die Familie soll sie sich kümmern müssen und gute Kinder hervorbringen, sowohl biologisch, als auch in der Erziehung der Kinder und dem Schmeißen des Haushaltes.

 

Die Lage ist heute eine ganz andere. Die Rolle der Frau hat sich vollkommen verändert. Familie, Liebe und Karriere haben sich mitverändert. Und so suchen wir Männer auch nach anderen Maßstäben – allerdings, ohne sie zu finden. Wir wollen auch unsere Beziehungen aus Liebe eingehen, nicht aus rationaler Vernunft, um eine Familie irgendwie möglich zu machen. Wir wollen zueinander passen, nur wissen wir kaum, woran wir festmachen können, dass wir zueinander passen. Sind es viele gleiche Interessen? Oder sind es grade die Gegensätze, die sich anziehen? Die Täter/Opfer Beziehung, in der es immer ein Arschloch gibt und eine Person, die diesem Arschloch alles verzeiht? Zudem ist die Auswahl nahezu unendlich geworden. Über das Internet und die Möglichkeit schnell an viele Orte zu reisen haben wir einen potentiellen Partnerkreis erschlossen, aus dem wir auswählen können. Oder wie ich finde: aus dem wir leider auswählen müssen. Das berliner Gefühl, es könnte immer noch jemand besseres um die Ecke kommen, belastet mich aktiv und passiv. Aus der schlichten Überforderung heraus zieht grade Mann sich zurück und misst an dem, was am einfachsten messbar ist: Äußerlichkeit. Schreien die meisten Freunde „geile Alte“, ist die Frau genehmigt. Die Antwort auf sehr komplexe Systeme ist häufig die Flucht ins Einfache. Dabei erscheint es mir manchmal so, als habe früher niemand aus Liebe geheiratet und Kinder bekommen und überhaupt sei Liebe ein Luxusgut der 2000er Jahre. Augen zu, Decke über den Kopf und ab ins Traumland. Bis wir aufwachen.

 

 

 

Dienstag, 20.05.2014 – Time to make Love.

Wer miteinander rummacht und wann – Faxe Bier – Wassereis – Papa muss betrunken gewesen sein als er mich zeugte – ein Caipi ist meist eine gute Lösung

 

Es ist Dienstag und eine Mitstudentin an der Texterschmiede hat Geburtstag. Gestern hatte eine andere Mitstudentin Geburtstag, Samstag mein Bruder Peter und Sonntag seine Frau Doris. Donnerstag wird eine andere Freundin feiern und Samstag ist ein Schulfreund dran. Wenn ich nicht selber irgendwann geboren worden wäre,  würde ich ausrasten und Geburtstage per se abschaffen.

 

Es gibt Zeiten, in denen anscheinend jeder Geburtstag hat. Am Wochenende muss man dann zwischen zwei Geburtstagspartys hin und her entscheiden oder pendeln. Geschenke, Geschenke, Glückwunsch und –karte. Das geht schon seit Jahren so. Ich habe mir eine Art Standardgeburtstagsgruß ausgedacht, den ich immer schnell raushauen kann. Er ist vollkommen ehrlich gemeint, weshalb ich auch kein schlechtes Gewissen habe, ihn dauernd einzusetzen. Manche messen die Freundschaft in der Qualität der Geburtstagsgrüße und –geschenke. Zugeben würden das nur die wenigsten, aber es sind mehr als man hofft. Auf der anderen Seite stehen die Menschen, die, wie ich sagen würde, echte Freunde sind. Ihr Leben ist genauso voll wie meines und sie sind nicht allzu nachtragend, wenn der alljährlich wiederkehrende Geburtstag nicht die gesamte Woche über Thema Nr. 1 bei mir war. Sie verstehen, warum es „nur“ den kreativen Schnelleinkauf bei Penny gab: Eine Orchidee, gespickt mit einem weiteren geklauten Spargelkopf, 1 Liter Faxe-Bierdose und eine Rutsche Wassereis. Das alles zusammengehalten von ein bisschen Klebeband, das ich in meinem Rucksand fand. Oder eines der Geschenke, die ich gerne auch Vorrat kaufe, wenn ich mal was Nettes finde für um die 10 Euro.

 

Geschenke kann man sich schenken.

 

In letzter Zeit ist Zeit ein willkommenes Geschenk geworden: Dass man es überhaupt einrichten kann, zum Geburtstag vorbeizukommen. Geschätzt wird, dass man am Montag, wenn man um 22 Uhr aus der letzten Besprechung kommt, nicht ins Bett fällt, sondern sich nochmal aufmacht zum Thier in die Schanze. Oder, dass man ein Wochenende an die Ostsee mitfährt. Zeit kann man natürlich auch in Form von Geschenken schenken, denen man es ansieht: eine selbstgebastelte Grußkarte oder ein Möbelstück. Aber die gemeinsame Zeit steht höher im Kurs. Ich habe neulich Karten gesehen, mit denen man einen gemeinsamen Tag Backen verschenken kann, helfen im Garten, ein gemeinsam gekochtes Abendessen oder Grillabend. Oder ein Abend mit wildem Rummachen und Kuscheln. Kino. DVD. Kochen: die neue Briefmarkensammlung.

 

Wer so miteinander rummacht.

 

Wenn sich Geburtstage so konzentrieren wie dieser Tage, kommt mir der Verdacht, dass vor neun Monaten irgendetwas gewesen sein muss, dass Menschen vermehrt zu ungeschütztem Verkehr animiert hat und sich als Personen zu multiplizieren – mit Eventualvorsatz oder Absicht. Kurz: Irgendwas muss in der Luft gelegen haben, dass plötzlich alle Babys machen wollen. Nur was?

 

Im Juli jedenfalls scheint mal wieder viel rumgemacht worden sein. Das kann ich vollkommen nachvollziehen, denn der Juli ist ein warmer Monat, in der Mitte des Jahres. Die Liebe ist katalysiert durch kurze Röcke und freie Muskeln. Die Sonne brennt Glückshormone durch viel nackte Haut in unsere Herzen. Ich mag den Juli. Es gibt kaum Menschen, die diesen Monat hassen. Der, neben dem ich mit meinem frühlingsgefühlten Dauergrinsen morgens aufwache, kann und muss die Richtige sein. Und wenn nicht: „Scheiß der Hund drauf, gib mir noch einen Caipi und lass durchziehen.“ Immer, wenn so viele Menschen gleichzeitig Geburtstag haben wie dieser Tage, muss es in der Vergangenheit so oder so ähnlich gelaufen sein. Jedenfalls stelle ich mir das so vor. Der Geburtsmonat hat viel Einfluss auf den Menschen. Vielleicht.

 

Spätsommerer.

 

Ich selbst bin ein Julikind. Geboren im Juli = Zeugungsmonat September. Meine Eltern müssen also Spätsommer-Scharlatane gewesen sein. Oder schon Frühherbstler. Das sind ganz unterschiedliche Menschen und Hintergründe, denke ich.

 

Die Spätsommerer sind satt und geladen von einem glücklichen Sommer. Sie haben das Grinsen und die Flip-Flops schon so lange an, dass sie der immer wiederkehrenden Illusion erlegen sind, dass es für immer Sommer sein wird und dieses Jahr der Winter mit dicken Jacken und Schneeregen einfach ausfällt. In dieser Lage zeugt man den Dritten oder den Vierten im Bunde. Oder die, wenn es sich nicht vermeiden lässt.

 

Die Schwangerschaft überdauert dann den Winter. Vielleicht bekommt die Brut noch nichts mit von der Kälte. Dafür gibt es Gänsebraten, kein Schnaps an Sylvester und Karneval in der kölner Südstadt fällt aus. Der Bauch wird bunt angemalt und je mehr der kleine Mensch Mensch wird, je wärmer wird es draußen. Je mehr wachen die Menschen auf, bewegen sich, lachen und suhlen sich im Lichterbad. Die letzten Wochen vor der Niederkunft, wie die meiner Mutter, verbringen diese Mütter und ungeborene Rotzfabriken in schweißtreibender Hitze.

 

Ich erblickte das Licht der Welt und alles um mich herum ist warm. Ich verbrachte die ersten Monate meines Lebens in strahlendem Sonnenschein und hatte die Jahre danach fast immer das Glück, den Kindergeburtstag draußen feiern zu können. Erst drei, vier Monate nach meiner Geburt traf mich die Kälte dieser Welt mit Minusgraden, die Strampelfreiheit eingrenzenden Anzügen und dicken Decken, die mich im Kinderwagen begruben.

 

Andere Menschen geht es da ganz anders. Sie sind mit dieser Härte geboren worden. Dafür lernen sie früher Kaminfeuer kennen, die Kerzenlichter zu Weihnachten und die bunten Kostüme zu Karneval.

 

Die richtige Zeit für Bonnie und Breit.

 

Ob uns das alles sehr prägt, weiß ich nicht. Eine Studie dazu will ich weder anstrengen, noch lesen. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich darüber nachdenke, was die Jahreszeit mit Menschen anstellen könnte. Mit den Papas und Mamas, die loslegen und mit den kleinen Menschenwürsten, die von den ersten Eindrücken dieser Welt verstört oder begeistert werden. Denn immer, wenn sich Geburtstage so häufen, wie sie es grade tuen, denke ich mir: es ist immer die richtige Zeit für Liebe und einen Caipi. Oder beides.

  

Dienstag, 01.04.2014 – Halbzeit

 

Mit ein paar Kisten und einem Koffer voller Erwartungen kam ich vor einem halben Jahr nach Hamburg. Berlin hinter mir, mit einem kleinen Notanker: meiner Wohnung, in der noch meine ganzen Sachen stehen und die nur untervermietet ist. Hinter mir aber das Leben in Berlin, als Anwalt und später in einem Musik-Startup. Ich wollte lernen wie man Geschichten erzählt und wie man Menschen bewegt und endlich das tun, was ich immer tun wollte. Das Alles in der Werbung, in einem Jahr an der Akademie „Texterschmiede“. Eine Halbjahresbilanz in Stichworten:

 

Suchte: Den großen Werbezirkus, bekloppte Menschen, schlaue Menschen, nette Menschen und Arschlöcher, Parties, Drogen, schnellen Sex und schlimme, harte Morgende in der Agentur. 

 

Fürchtete: Wenig Schlaf, viele Nachtschichten, wenig Freunde sehen, kaum Wochenenden. Kaltes Hamburg, mal wieder ein Winter, kaum Geld, kleines Zimmer, tropfende Dusche.

 

Bekommen: Viel Wasser, mit dem gekocht wird, Agentur ohne Zirkus, viel gelernt in der Schmiede und in der Agentur, nur gar nicht so und das, was ich so dachte. Viel Werbung gesehen, viele Perspektiven, viele Notizen. Keine Weihnachtsfeier, Sex betrunken, sonst kompliziert, insgesamt zu wenig, Liebe in Geruchsnähe, insgesamt zu weit entfernt. Geniale Texte in der Schmiede von genialen und menschlich großen Leuten – teilweise. Ein schnelles Jahr, eine ganze Menge gelernt, viel Puls, viel Adrenalin, gar nicht so viele Nachtschichten, Freunde sieht man eher, wenn keine Hausarbeit ansteht, milder Winter, viel Radfahren, wenig Schlaf, ein Koffer voll Bier und Schnaps und Copytraining Nr. 217492042. Wenig Geld und tropfende Dusche, ein spitzen Mitbewohner, ein Wohnzimmer und einen ziemlich schnellen Herd. 

 

Suche ab heute: In der Schmiede schnell Funk und Film machen, sonst lieber mehr für die Agentur arbeiten, bringt das zweite Jahr sonst noch was? Vielleicht doch in Werbung gehen... dann: Bewerbungsmappe machen. Richtig Bums und Werbezirkus in der neuen Agentur, endlich jemand anzünden oder was explodieren lassen oder Greta Garbo einbauen. Mehr Menschen kennenlernen und ein paar bestimmte noch besser, Burger, geile Teams, einen Smoker bauen und ein pinkes Kostüm mit Hühnerbeinen drauf für den Fußball Agency Cup. Dusche reparieren.

 

Ich hoffe sehr, dass mein erster Tag nicht so wird, wie ich davon kürzlich geträumt habe... und dass ich es morgen pünktlich zur Agentur schaffe. Neue Wege, neue Abenteuer. 

 

 

Freitag, 28.03.2014

 

Mit Profis arbeiten – Awards sind langweiliger als Markenrechtslehrgänge – 99 Cent – Kommen – Gehen – aufrechter Gang

 

Meine Fresse. So ein Award-Abend ist ja schon ein Ding. Feiertechnisch unter aller Kanone. Da trinken Anwälte mehr und länger an einem Donnerstag Abend bei Drinks for Free. Ich schreibe einer Schmiede-Kollegin, die gestern auch noch mit war und mir ein Bild von zwei betrunkenen Mädels schickt.

 

Ich schreibe ihr zurück: "um vier Uhr kommt der Karer. Ganz bestimmt. Wahnsinn. Es fühlt sich an, als ob ich durch einen Wurstsack hindurch tippe und der wackelt. Also... wenn Du verstehst, was ich damit sagen will". Wenn es ihr so geht wie mir, versteht sie das - auch mit den Rechtschreibfehlern. In ein paar Stunden verstehe ich das alles wahrscheinlich selber alles nicht mehr.

 

Auf dem Rad heute morgen fiel mir ein: "Auf einem Auge sieht man besser". Das trifft zu, wenn man betrunken ist. Sehr betrunken. Mein Blick wandert über den Tisch und findet meinen Kaffee: volle Tasse, nicht mal umgerührt. Mit festem Blick auf den Becher stoße ein Lachen aus, was meine Nebensitzerin irritiert. Zu recht. Wieder fällt mir der Satz mit dem einen Auge ein. Warum sieht man betrunken besser, wenn man ein Auge zukneift? Überfordert einen die Dreidimensionalität? Das Schreiben des Wortes überfordert mich jedenfalls. Das wird ja ein Spass heute Abend: Gipfelfest an der Schmiede bedeutet richtig einen wegfeuern. Denke ich mal. Hoffe ich. Hoffte ich, bis heute. Ich will ins Bett. Da hielt es mich heute Morgen eh schon länger als sonst. Rückblende:

 

Der Wecker klingelt. Scheiß auf Morgensport. Wieso ist der Snooze Button auf 10 Minuten gestellt? Egal, passt. Zehn Minuten später stelle ich mir die gleiche Fragen. Zudem: Kann ich den Wecker auch auf 5 Minuten stellen? Wie geht das? Egal, 10 Minuten gehen nochmal klar. Dann stehe ich tatsächlich auf. Dusche, spießiger Pulli. Vielleicht mach mich das wieder seriös. Ich renne zur Tür raus. Eine Flasche Schnaps unterm Arm für heute Abend, Frühstück dafür vergessen. Unmöglich! Ohne Frühstück funktioniere ich ohnehin nicht, aber heute ganz ganz sicher nicht. Ich brauche Nahrung. Müsli wäre eh nix gewesen, daher ist Vergessen auch nicht tragisch. Ein Bäcker muss her. Bei der Astra-Stube ist einer, der wird überfallen. Pizzaschnitte mit Tomaten. Geil. Irgendwas mit Salami wäre geiler gewesen. Auf dem Rad merke ich, dass doch Salami drauf ist. Ich freue mich kindisch. Leider schaffe ich es kaum Rad zu fahren, zu essen und zu atmen gleichzeitig. Eins muss ich lassen. Atmen ist überbewertet und wird ausgesetzt. "Atemlos" durch den hamburger Morgenverkehr.

 

Zum letzten Mal dieser Weg. Zum letzten Mal die Türklingel, zum letzten Mal irgendwas. Genauso, wie ich "erste Male" durchlebe, durchlebe ich "letzte Male". Drama. Ich würde gerne durchdrehen und mich schütteln, aber diese Bewegungen würde mich töten. Das befürchte ich jedenfalls.

 

Langsam wird mir klar, was für Tag das werden könnte. Hülfe. Hüüüüülfe! Herrlich. Diese Werber sind echt alle langweilig und können nix am Tresen. Mad Men war das mal wieder nicht gestern. Von wegen: Ich hab in der 99 Cent-Bar auf der Reeperbahn gestern einen ganz schwachen Polnischen gemacht. Oder auch nicht. Einen halben Polnischen. Besser als den doppelten Polnischen zu machen (= man greift sich eine Person und verabredet mit ihr einen Polnischen zu machen und lässt sie dann auf halben Weg aus dem Club auch nochmal stehen ohne was zu sagen). Polen... Vodka! Die Mädels in der Agentur überlegen, den Rest von dem gestrigen Ethanol-Cocktail zu trinken. Ich arbeite doch mit Profis zusammen. Und ich hasse Abschied. Es war eigentlich doch ziemlich nett hier. Wasser. Oder doch noch "Winterhuder Sunscheiß"? Happy in der „Sad Version“.

Samstag, 15.03.2014

Silvester gibts Sushi
Silvester gibts Sushi

 

Wie man zur Wunschagentur kommt – Selbst- und Fremdentzündung – letzter Schultag – Frittenfett – doch nochmal studieren – Glas halb/halb

 

Erster Schultag die Zweite: Diesen Montag (17.03.2014) bekommen wir die Agentur mitgeteilt, bei der wir unser zweites Praktikum machen, also wieder von 9 bis 17 Uhr abgammeln, bevor es für nochmals drei Stunden in die Akademie geht. Am ersten April gehts los. Ich hoffe vorgezogene Aprilscherze schenkt sich die Schmiede, denn bei dem Thema hab ich echt eine dünne Haut inzwischen.

 

In meiner bisherigen Agentur gab es viel zu lernen, aber die kreative Handbremse musste ich doch immer recht fest anziehen. Von dem, woran man klischeehaft bei einer Hamburger Werbeagentur denkt (Sex, Alkohohl, komische Frisuren und Brillen, Drogen, Waffen, Explosionen), ist der Laden eben auch weit entfernt. Wie gut oder schlecht das war, wird sich zeigen. Ich hab das Frittenfett jedenfalls auf doppelter Betriebstemperatur und irre Bock im nächsten halben Jahr so richtig was anzuzünden. Bitte, liebe Schmiede, spendet mir ein paar anständige Brandmeister(innen)! Contenance wird ansonsten zum Fremdwort. Ich spreche eh kein Französisch... Pardon. (Kleiner Ausfaller)

 

Wie man zur Wunschagentur kommt.

Zwei Agenturen aus dem Förderkreis hier in Hamburg sind klare Favoriten für das Praktikum. Aber die Plätze sind rar und beliebt. Das Auswahlverfahren für diese zweite Runde ist eine Mischung aus Papstwahl und Roulette: Offiziell wird über das Jahr eine möglichst „ganzheitliche praktische Ausbildung“ angestrebt. Das bedeutet, dass wir sowohl klassische Agenturen und Spezialisten erleben sollen, kleine und große, Netzwerke und Boutiquen. Weitere Einflussfaktoren: Noten aus den Gruppenarbeiten, Hausarbeiten und den Agenturen. So die offizielle Seite. Tatsächlich spielen da natürlich noch ein paar andere Faktoren eine Rolle und gewürfelt wird zum Schluss dann auch gerne. So meine Vermutung. Natürlich weiß ich nichts aus sicheren Quellen. Woher denn auch.

 

Halb leer ist so gut wie morgen und dann ist  ja schon fast wieder Januar.

Ab Montag noch 11 Arbeitstage – an zweien habe ich Urlaub. Der gewiefte Leser rechnet jetzt nach. Viel wichtiger: Damit ist so gut wie Halbzeit angesagt. Gefühlt ist das Jahr an der Schmiede aber schon fast rum.

 

In zwei Monaten werden die ersten von uns mit ihren Arbeiten in der Mappe an den Agenturtüren klingeln, bei Filmproduktionen, Verlagen, Redaktion und Game-Schmieden anklopfen oder sich auf den Weg machen, doch noch „was Anständiges“ zu studieren. Da ich auf diversen Plattformen recht aktiv bin, sind ein paar Drähte schon warm. Aber ich werde einen Teufel tun, das erstbeste Angebot anzunehmen. Ich muss für mich erst einmal selber ausloten, wo es hingehen soll. Wie will ich arbeiten? Was will ich tun? Welches Umfeld will ich? Und wer bietet das?

 

Oder wen kann ich da mittelfristig hinknüppeln? Momentan herrscht noch ungeminderter Tatendrang in mir. Revolution! Ich glaube an die Möglichkeit einer Agentur, die nicht in den Strukturen von vor 20 Jahren kleben geblieben ist, sondern kreatives und zeitgemäßes Arbeiten genauso hoch hält, wie Kreativität und Effizienz. Mal sehen wie das in ein paar Monaten oder Jahren aussieht und ob ich als geprügelter Hund in die Ecke krieche. Demnächst heißt es erst einmal: Sorgfältig schauen und überlegen und dann... wie ich mich kenne... irgendwas Spontanes wider jeglicher Vernunft veranstalten. Wenn es passt, dann passt es eben. So einfach ist es dann am Ende ja doch wieder.

 

Freitag, 14.03.2014

Wieder Platz im Herrenhaus – Ferien vorbei – nachts sich selbst anmalen und damit in die Agentur gehen – Logistricks

 

Die Ferien von der Texterschmiede sind vorbei. Eine Woche hatte ich „echten“ Urlaub, eine Woche ohne Schmiede, aber mit Agentur.

 

Ich habe in der Zeit fast alle Aufträge fertig gemalt, die ich Ende 2013 angenommen hatte. Für mich ist es weiterhin merkwürdig, dass ich Bilder verkaufe, seit dem ich auf die Texterschmiede gehe. Aber irgendwie befruchten sich so Sachen anscheinend gegenseitig.

 

 

Übergabe von 4 Bildern in Köln
Übergabe von 4 Bildern in Köln

"The Next Step", "Robin Hood"
und die Reihe "Suche | Biete

 

„Two Friends and a Baby“ hat mich sehr viel Zeit gekostet. Wobei „gekostet“ eigentlich nicht der richtige Ausdruck ist. Ich bin mit dem Ergebnis wirklich sehr zufrieden. Die Studie dazu hatte den Käufern schon gut gefallen. Sie wollten es aber „nicht so rot, das sieht so blutig aus“. Daher bin ich in eine ganz andere Farbwelt gegangen, was aber auch das Motiv beeinflusst.

 

Ausschnitt "Two Friends and a Baby"
Ausschnitt "Two Friends and a Baby"

 

Das Thema hat mich so intensiv beschäftigt, dass ich das Bild eigentlich gar nicht weggeben will. So war es häufig mit meinen Bildern, weshalb ich ja auch nie was verkaufen konnte. „Zum Glück“ ist das schon Bild schon versprochen, so dass mir keine andere Wahl bleibt.

 

Die Abholung wird wieder schwierig, weil ich ja fast nie zuhause bin. Das Bild ist 150cm x 120 cm groß, die Holzkiste sind nochmal rund 5 cm auf jeder Seite. Das kriege ich auch nicht „morgens noch schnell zur Post“ getragen. Zwei Wochen ohne Texterschmiede am Abend sind vorbei. In der Zeit wäre es einfacher gewesen. Wobei ab 18 Uhr auch wieder kaum jemand abholt. Und irgendwann musste ich die ganzen Dinger ja auch malen und zusammenbasteln, einkaufen und so weiter. Wird schon. Gibt Schlimmeres. Dafür ist bald wieder mehr Platz in meiner großzügigen Hazienda, in der ich Wohnen, Gästezimmer, Atelier und Arbeitszimmer großzügig auf verschieden Flügel aufteilen konnte.

 

Hazienda del Katschino (Flugzeugaufnahme)
Hazienda del Katschino (Flugzeugaufnahme)

Dienstag, 11.03.2014

"Einen fahren lassen im Frühling"
"Einen fahren lassen im Frühling"

 

Frühling – Tote Ziegen – Japan – Hölle – Fremde knutschen – Headlines fürs Einkaufszentrum

 

Scheiß Frühling. Ich verknalle mich alle drei Stunden – gefühlt. In der Agentur beschäftige ich mich derzeit viel mit dem Projekt "7 Billion Others". Wie Menschen auf der ganzen Welt, von Kamerun, über Frankreich, Lebanon, Benin, Indien, Japan, Ukraine, Peru... auf die gleichen 45 Fragen antworten, ist faszinierend: Wir haben mehr gemein, als wir uns manchmal bewusst machen. Doch manches unterscheidet uns auch, jedenfalls auf den ersten Blick. Auf den zweiten sind es doch häufig wieder die gleichen Dinge, nur übersetzt in ein anderes Umfeld (iphone kaputt <-> Ziege tot). Bei Fragen wie "Was denkst, was nach dem Tod ist", zeigt sich vor allem, wie gleich wir sind. Zugeben, es sind mal wieder "die großen Fragen". Aber unser kleinster gemeinsamer Nenner scheint merkwürdigerweise einfacher finden zu sein, wenn man die Fragen größer stellt.

Die nächste Frage: "Was bedeutet für Dich Liebe? Glaubst Du, dass Du genug Liebe gibst und bekommst?"

 

(www.7billionothers.org/de/thematic_voices/liebe). 

 

Ich sehe kurz nach diesem Video einen Clip, der sich anscheinend wie ein Virus verbreitet. Er handelt von 20 Personen, die sich nicht kennen, anscheinend nur sehr kurz einander vorgestellt wurden und sich nun vor Kameras küssen sollen.

 

(http://youtu.be/IpbDHxCV29A).

 

 

Das Video reibt mir Salz in die Augen, was gut zum dem Kloß passt, den ich im Hals bekomme. Ich bin mir fast sicher, dass es gleich ein Verarschungsvideo dazu geben wird. "Zwanzig Leute die sich nicht kennen und ohrfeigen", "Zwanzig Leute die sich nicht kennen und das ist auch gut so", "Zwanzig Pornostars die sich nicht kennen und vögeln" oder sonst was.

 

 

 
Mir egal. Es ist dieser verdammte Frühling. Ein alljährliches Erwachen aus einem Totenschlaf. Jemand aus Neapel sagt bei 7 Billion Others über den Tod: "Es gibt zwei Möglichkeiten. Es ist möglich, dass dort nichts ist [...]. Also beeile Dich! Liebe die um Dich herum, denn wenn Du einmal ausgestöpselt bist, dann sind wir Wurmfutter. Eine andere Möglichkeit ist, dass dort Gerechtigkeit sein wird, Himmel oder Hölle – ich weiß es nicht. Aber es wird sehr interessant sein, es herauszufinden."

 


Es wird sehr interessant sein herauszufinden, was diesen Sommer passiert. Oder schon bald. Himmel, oder Hölle. Oder Liebe. Ein erster Kuss. Und ein zweiter. Ich nehme die Kopfhörer ab und höre wieder: "Die Headlines müssen nochmal überarbeitet werden". Reklame. Die großen Fragen im Leben.

 

 

 

Nachtrag (15.03.2014): Natürlich tauchten schon am nächsten Tag jede Menge Parodien auf das Video auf. Hier ein paar Beispiele

 

www.flavorwire.com/5-best-parodies-firstkiss

 

17.02.2014

Dass heute Montag ist, ist eine wichtige Information. Ich war zwischenzeitlich so weit zu sagen, dass Menschen, die Montage kacke finden, einfach den falschen Job haben. Sie sollten mal was an ihrem Leben ändern, anstatt sich über den Montag auszulassen. Das bringt mich in eine missliche Lage, denn das Textersein finde ich großartig und ich würde keine Sekunde zögern, wenn ich mich heute nochmals zwischen diesem Beruf und dem Anwaltsberuf entscheiden müsste. Vorausgesetzt: Dass Du mich an einem anderen Tag fragst, als an diesem Montag.

 

Vielleicht lag es am Wochenende?
Freitag hatten wir Schulterblick für unsere zweite Hausarbeit (Print/Plakat). Wir haben alles auf einen Ansatz gewettet. Nach unserem minimalistischen Auftritt, der gerechtfertigt war, da das Plakat ja für sich spricht, traf uns die Frage nach unseren "sonstigen Ideen" hart. Und vor allem: Nach drei Minuten Vorstellung einfach zu schnell und eindeutig. Die restlichen 17 Minuten verbrachten wir mit dem Vorstellen von zwei weiteren Ideen, von der eine für gut befunden wurde. Immerhin. Aber wie man sich täuschen kann...

 

Danach, 18 Uhr, gleich in die Texterschmieden-Stammbar. Ein Bier. Danach trinke ich nur noch Schnaps. Keine Ahnung was mit mir los ist, aber ich rausche ab. Veranstaltungsvollster – zusammen mit einem Mädel aus meiner Gruppe. Reeperbahn, Essen, Ego nur von Außen gestreift, dafür zwei Mal. Die Suche nach einer Karaoke-Bar verläuft ergebnislos, was den ortskundigen Hamburger zu Recht verwundert. Diesmal hält mein Fahrrad die Mitfahrerin aus. Stopp bei einer Freundin und einem Bekannten, dessen Wohnung 100 Meter von meiner Haustür entfernt liegt. Ich will nicht mehr weiter rauschen. Auch reden und sogar gucken ist mir zu viel. Haustür. Schlüssel.

 

Samstag mit dem Kater gespielt.

Ich warte den ganzen Tag auf den Postboten, der mir zwei Bilder vorbeibringen soll. Ich habe die Bilder von zwei Wochen zum Drucken in Auftrag gegeben und werde sie noch weiterverarbeiten. Sie sind so groß, dass ich keine Ahnung habe, wie ich sie von einer Postfiliale abholen soll – auch wenn ich mir das Auto meines Mitbwohner leihen würde. Eine gute Rechtfertigung für einen sonnenstrahlen-durchtränkten Samstag im sicheren Bett und Horizontallage.

 

Ich zeichne ein paar Skizzen für einen Bildauftrag von Freunden, esse Pizza, trinke eine Rum-Cola und mache mich zu einer kleinen WG-Party auf. Im Supermarkt erstehe ich einen Sixpack San Miguel, der mir 150 Meter vor der WG-Haustür auf der Straße zerschellt. Ich war zuvor zu lange mit dem Fahrrad in die falsche Richtung gefahren. Für solche Strecken sind Plastiktüten nicht gemacht.

 

Die Party ist sehr nett. Ich bin von den Menschen überfordert, insbesondere von den weiblichen. Also mache ich Schnaps für alle – jedenfalls, so viele, wie noch Rum da. Auf Club, laut, verraucht, kalt und Anstehen habe ich keine Lust. Zudem will ich morgen noch ein paar Entwürfe fertig malen. Alles gute Gründe. Beim Versuch den Polnischen zu machen, werde ich vom Gastgeber erwischt. Der sieht die Zwecklosigkeit seiner Überredung schnell ein und lässt mich von Dannen ziehen. Ausreichend Schlaf. Party.

 

Sonntag geht alles nach Plan.

Jedenfalls wird die Bildskizze fertig und das Feedback der potentiellen Käufer fällt gut aus. Ich will ins Kino und kaufe um 14 Uhr zwei Karten. Wolf of the Wallstreet. Das Savoy Kino ist für seine gemütlichen Sessel bekannt. Irgendjemand wird schon mitkommen. Lieber jetzt die Tickets kaufen, als dass es heute Abend keine anständigen Plätze mehr gibt. 19.30 Uhr Filmbeginn. Der Tag vergeht. Die Knutschbank habe ich für mich alleine gesichert. Ein Ticket konnte ich zurückgeben. Überall Paare oder Freundinnen, die sich demonstrativ einen netten Mädels-Kino-Abend machen. Zudem noch attraktiv. Ich lache Tränen bei dem Film. Das Ende wirkt für mich unpassend. Drei Stunden Film verflogen. Eine weitere Nacht mit ausreichend Schlaf.

 

Studie zu "Two Friends and a Baby" (2014)
Studie zu "Two Friends and a Baby" (2014)

 

Plötzlich ist Montag.

In der Agentur droht die Weiterarbeit an einer Präsentation. Ich spreche die Sache seit Donnerstag direkt mit einem der Agenturchefs ab. Spaß ja, aber sehr kreativ ist es nicht grade. Insgesamt eine stimmungsneutrale Beschäftigung.

 

In der Schmiede ist der Executive Creative Director einer der Agenturen heute als Dozent da, für die ich früher in der Rechtsabteilung gearbeitet habe. Er muss nach meiner Zeit angefangen habe, sein Name sagt mir nichts. Ungefähr ab der Karrierestufe wurden die Verträge von den Anwälten gemacht, sonst von der HR-Abteilung. Vielleicht erinnere ich mich aber auch falsch.

 

Er wirkt außerordentlich ruhig und ist etwas krank. In der Textübung schreibe ich wieder zwei Mal totale Scheiße. Einmal viel zu kompliziert, einmal viel zu banal. Leider in so einer Art und Weise, dass das Mittelding aus beiden Beiträgen immer noch kacke gewesen wäre.

 

Zwischen den Übungen rede ich auf mich ein, jetzt gut gelaunt und positiv zu sein, damit ich gutes Zeug abliefere. Nicht so brav. Mal wieder ein bisschen Irrsinn schreiben. Es ist, als würde ich eine Hausnummer suchen, aber einfach nicht verstehen, in welche Richtung der Straße ich laufen soll und und auf welcher Straßenseite. Ich suche und finde nichts.

 

Als ich unten auf dem Parkplatz ankomme, ist meine Gruppe für die Hausarbeit schon weg. Eine sehe ich grade noch zur U-Bahn gehen. Wir machen wohl heute nichts mehr – alle sind zu fertig. Alle sind zu Montag.

 

Ich schaue zu einem Freund rüber, der im Kreis seiner Arbeitsgruppe steht. Sie lachen und sind vertieft. Ich bin einfach kein lustiger Mensch, denke ich mir. Was soll dieser ganze Zirkus hier? Freunde von mir kaufen bei mir Bilder, um sie in ihre Eigentumswohnungen zu hängen, wo sie mit ihren Familien einziehen. Ich schlafe auf einer Matratze auf dem Boden, habe Schränke aus Umzugskartons und mache jeden Monat Schulden. Ich will Geld und Liebe! Nein, nur Liebe. Nein, nur... Ach. Keine Ahnung. Das ist doch alles totaler Unsinn hier! Warum mache ich das? Ich fluche auf dem Rad nach hause. Passanten schauen mich. „Fickt Euch!“ murmele ich mir in den sechs-Tage-Bart, ohne dass sie es hören können oder sollen.

 

Vielleicht ist auch einfach nur Montag.

Ein ganz normaler Montag.

Donnerstag, 30.01.2014

Ihr letztes Lied

Ich war Freitag bis ungefähr zwölf mit drei Schmiedlingen und einem Dozenten noch "ein" Bier trinken. Tatsächlich sind es nur zwei geworden. Mein Zug nach Magdeburg geht um 6:42 Uhr. Eine Beerdigung will ich nicht mit Kater erleben. Ungefähr um eins liege ich im Bett. Mein Wecker klingelt um 4:50 Uhr. Ich stehe auf und gehe duschen. Dabei kommen mir langsam Zweifel auf, warum ich um 4:50 Uhr aufstehe. War es wirklich 4:50 Uhr? Ich bin beim ersten Weckerklingeln aufgesprungen. Ohne Frühstück denke ich kaum. Im Zimmer angekommen checke ich die Uhrzeit und meine Abfahrtszeit. Tatsache: Ich bin eine Stunde zu früh aufgestanden. Wie unnötig. Frühstück um fünf, ein bisschen an einem Plakat weitergetextet und an grafischen Details rumgenörgelt. Wir machen das Plakat für einen Wettbewerb. Die Stunde vergeht schnell und ich renne zum Bahnhof, der zum Glück nur zehn Minuten von mir entfernt ist.

 

Von Hamburg nach Hannover versuche ich zu schlafen. Ab Hannover schreibe ich. Ich bin erschreckt regungslos. Mit meinem Brief an Caro (siehe Eintrag vom 07.01.2014) habe ich Frieden mit dem Thema geschlossen. Glaube ich. Vielleicht bin ich einfach zu müde und habe zu viele Sachen um die Ohren, als das mich die Beerdigung grade zu sehr mitnimmt. Aber wenn ich da bin, werde ich wahrscheinlich heulen wie ein Schlosshund. Hoffentlich geht mir niemand auf den Keks. Ich bin echt kein Freund von Händchenhalten bei Beerdigungen.

 

Es kam wie erwartet unerwartet. Zum einen kam ich als Letzer auf dem Friedhof an, was noch niemanden besonders auffiel. Dass sich Caro bunte Farben gewünscht hat und ich deswegen eine Jacke mit knaligem Gelb trage, fällt auf.

 

Spätestens ab der Aufnahme von Caro, in der sie "Ironic" von Alainis Morisette singt, weinen alle. Zu recht. Die Reden des Begräbismeister sind weniger bewegend. Der Job, in dem man täglich solche Momente moderiert, wäre der absolute Horrer für mich.

 

"Is this the real life?

Is this just fantasy?

Caught in a landslide

No escape from reality"

 

Mit Bohemian Rhapsody wird die Urne auf den Friedhof getragen. Exzellente Wahl. Ich heule. Viel. Der Blick in das Gesicht zweier Eltern, wenn ihnen gesagt wird, dass sie sich jetzt von ihrer siebenundzwanzigjährigen Tochter verabschieden können, kann kein Mensch aushalten. Ich schaue auf den Boden. Zittere. In der Hand die Koralle, die Caro im Büro vergessen hat. Ich hatte sie ihr geschenkt. Ein Koralle, von den Seychellen, einem der schönsten Orte, die ich kenne, liegt neben Blumen, an ihrem Grab. Tod ist kitschig. Und das ist ehrfürchtig und bewundernd gemeint, sowohl vor dem Tod, als auch vor dem Kitsch. Wir beschließen Bier und Korn trinken zu gehen. Ich bekomme einen Space Cookie in die Hand: „Caro hätte das richtig gefunden.“ Das habe ich zu dem Bier und Korn auch gesagt. Vergessen Sie, lieber Leser, bitte nie: In Magdeburg haben Kneipen samstags um elf Uhr fast alle zu. Sich nach so einem Anblick zu betrinken ist angemessen, aber nicht sehr einfach. Sorgen Sie vor. Mein Ex-Chef von dem Berliner Startup, für die ich das Marketing gemacht habe, sagt zu mir, dass an seinem Grab alle ihren Lieblingsschnaps trinken sollen und das zweite Fläschchen auf seinen Sarg leeren. Ich soll es bitte nicht vergessen. Welches Lied wohl das letzte war, das Caro gehört hat?

 

Am Bahnhof gibt es einen Imbiss, an dem wir Warsteiner für 1,75 € (0,4l) trinken. Drei Minuten habe ich, dann verabschiede ich mich und renne zum Zug, der grade einfährt. Magdeburg-Hannover-Hamburg-Altona. Drei Stunden Zugfahrt. Ich notiere mir noch im Adressbuch den Wunsch meines ehemaligen Chefs. Dann schlafe ich ein. Und wache wieder auf. 

 

Samstag, 01.02.2014

 

Nur ein Bierchen – Fahrrad weg – Strappsen und Korselett – Suff am Tag

 

Gestern noch "auf ein Bierchen" mit einer Freundin. Ein Schmiedeling kommt noch mit, mit dem ich eigentlich am meisten zu tun habe. Wir hatten uns schon einmal auf einem Barcamp getroffen. Sie ist noch mit Leuten da und wir treffen auch noch einen Bekannten. Irgendwann sind alle weg. Bier aus, Schnaps an. Wir zwei dreschen wie die Doofen. Und Gin-Tonic. Wir versuchen auf meinem Fahrrad nach hause zu fahren. Kurz vor dem Ende bricht das Rad endgültig zusammen. Das Hinterrad bewegt sich keinen Zentimeter mehr, zu viele Speichen sind gebrochen. Sie läuft den Rest zu sich, ich auch. Also zu mir. Wie zur Hölle soll ich morgen zur Arbeit kommen?

 

Wo bin ich? Wie viel Uhr ist? Warum? Wie zur Hölle soll ich zur Arbeit kommen? Ich frühstücke den Salat, den ich gestern nicht zum Abendessen gegessen habe. Nüchterner Magen, klasse Idee. Zu spät. DriveNow muss es richten. Ich fahre den gleichen Weg, wie mit dem Rad. Einen sehe ich aus dem Auto, den ich sonst immer auf dem Radweg treffe. Er überholt mich. Natürlich. Mit dem Rad ist man schneller. Kein Parkplatz vor der Agentur. Alter Scholli, ich bin noch total betrunken und schiele etwas. Ich hätte nicht fahren dürfen. Die Einsicht kommt zu spät. Was soll ich tun? Kaffee. Habe ich irgendwelche Aufgaben? Wahrscheinlich. Mehr Kaffee. Und Wasser trinken... Email-Programm an. Eine Nachricht. Die Kontakterin hat mir geschrieben. Mein Text von gestern für die Newsmeldung wäre viel zu lang. Ich pack sie mir und frage, ob der Abbinder einfach weg kann, der war eh 1:1 aus der Pressemitteilung des Unterwäscheladens geklaut (die die ganze Zeit "Korselett" schreiben, statt Korsett). Sie meinte, ich hätte "es ja tatsächlich geschafft, die Mitteilung noch länger zu machen, statt zu kürzen. Wir brauchen eine Newsmeldung, keinen Roman." Ob ich mir die alten Newsmeldungen gar nicht angeschaut hätte? Meine Newsmeldung hat acht Zeilen. Ich zeige ihr die alte Newsmeldung für den gleichen Shop, die neun Zeilen hat. Sie knurrt und segnet den Text ab, wie er ist. Innerlich würde ich gerne grinsen, aber es wackelt alles zu sehr.

 

Ich muss heute irgendwann meinen Zug nach Magdeburg buchen. Beerdingung einer Freundin. Eigentlich war für Freitag eine "Russian Night" in dem ehemligen Fickzimmer einer Edelnutte am Hauptbahnhof geplant. Eine Freundin aus der Schmiede wohnt da – auf Gefallensbasis. Sie lässt ihre zwei Kinder für ein Jahr bei den Großeltern um die Schmiede zu absolvieren. Menschen bringen große Opfer für diesen Laden. Sie bringt wahrscheinlich eines der größten. Statt Suff im Pornozimmer, dessen Bett mit Haltestangen, Ösen für Handschellen und einem großen Spiegel ausgestattet ist, gibt es dieses Wochenende harten Tobak: Über Caros Tod habe ich bereits geschrieben. Mehr kann und will ich auch nicht sagen. Nach der Beerdingung fahre ich wahrscheinlich zurück nach Hamburg. Ein alter Internatsfreund, bei dem ich auch einige Monate gewohnt habe, als ich mich mit Booking und als Künstler-Manager in Hamburg versucht hatte, feiert Einweihung in seiner neuen Bude. Er hat seinen ersten Anwaltsjob und zieht mit seiner seiner Freundin zusammen. 140 Quadratmeter im Grindelviertel. Es geht um 10 Uhr los. Suff am Tag. Später dazuzustoßen, also wahrscheinlich gegen fünf Uhr, wird kein Problem sein.


Ich bin ein großer Freund von Suff am Tag. Das liegt wahrscheinlich an meinen Kölner Wurzeln. Karneval ist auch deswegen so witzig, weil man am Tag trinkt. Der Alkoholrausch ohne das sonst unbemerkt begleitende Gefühl der Müdigkeit ist wahrer Luxus. Sonntag wollen wir uns zum ersten Mal für die neue Hausarbeit treffen. Und ich muss noch malen. Große Pläne. Was hab ich heute nochmal zu tun? Gott, bin ich betrunken... (9:51 Uhr)

 

 

 

Montag, 20.01.2014

Strafe muss sein – halb zwei – eine Sie – Leistung, Leistung, Leistung – Noten – Kaffee ist alle.

 

 

Bekloppter Morgen. Ich rase, bin zu spät. Die Tür der Agentur öffnet nicht. Ich klingle zwei Mal, aber niemand macht auf. Wohl als Strafe für mein Zu-Spät-Kommen? Acht Minuten nach neun. Come on!? Ich laufe auf die Straße und winke in den Confi. Vergebens. Die Nummer habe ich leider nicht gespeichert, also muss ich sie im Internet suchen. "Nee, ich habe keine Klingel gehört", meint eine Kollegin und lässt mich um viertel nach neun rein. Verdammt. Warum passiert das immer Montags, wenn Meeting ist? Ein Artikel hat mich heute morgen festgehalten, der über die Verwerfungen eines Rendezvous und Durchfall verursachenden von zuckerfreien Gummibärchen beschreibt (Link).

 

Piere Jarawan ist Deutscher Meister im Poetry Slam. 2012 gewann er den Titel, 2014 arbeitet er in einer der Partneragenturen der Schmiede und wird uns mit einem Workshop beglücken, in dem wir Tipps für erfolgreiche Slams bekommen. Zudem wird die Texterschmiede den erster Poetry Slam der Werbebranche veranstalten. Irgendwann im Mai. Ich träume. Schlag ins Gesicht und Herz in der Hose: Wir bekommen die Noten für unsere erste Hausarbeit.

 

Mein Gegenüber in der Schmiede schaut mich an: „Ihr hattet die beste Präsentation – mit Abstand“. Das hatte ich schon öfter gehört, sowohl direkt nach der Präsenetation, wie auch in der Zeit danach, wenn das Thema zur Sprache kam. Ich erinnere mich allerdings daran, wie selbstkritisch ich war. Daher weiß ich nicht, was ich erwarten soll. Die Juroren waren sich wohl sehr uneinig. Angeblich gab es ein echtes „Goldstück“ von einem strategischem Gedanken. Einer, der alle anderen überflügelte. Leider wurde dieser dann nicht konsequent in der Arbeit umgesetzt. Matthias, der Chef der Schmiede, will fortfahren, doch ich spreche aus, was alle denken: "Raus damit! Was ist der Gedanke?". Ich freue mich und bin verstört zugleich. Es ist nicht unser Gedanke, den wir präsentiert haben. Eine andere Gruppe hat den Treffer gelandet. Aber das ist nicht das, was mich verstört, ich freue mich für die Gruppe. In dem Buch „Steal like an Artist“ von Austin Kleon fand ich vor einigen Wochen genau den Gedanken, der heute so hochg gelobt wurde. Im ersten Treffen unserer Gruppe hatte ich den Gedanken in die Runde geworfen, aber wir verfolgten ihn nicht weiter. Wir waren wahrscheinlich noch nicht einmal die einzige Gruppe, die diesen Gedanken auch hatte. Aber wir setzen ihn eben nicht um. Bei einer Strategie muss man entscheiden. Am Ende muss alles fokussiert sein. Den Gedanken zu haben zählt nicht.Dennoch ärgere ich mich über mich selbst, anstatt mich zu freuen, dass ich wohl gar nicht so einen schlechten Riecher hatte.

 

Die Noten werden verteilt. Ich erhalte einen Umschlag und will mich mit der Gruppe zusammensetzen. Erst jetzt bemerke ich, dass die Beurteilung nur aus einem Blatt besteht. Ich gebe die anderen Blätter an meine Gruppenmitglieder weiter. Es wurden nur Noten im Bereich von „gut“ und "befriedigend" verteilt. Besonders weit oben sind wir allerdings nicht gelandet. Ich bin etwas enttäuscht. Meine Enttäuschung steigert sich jedoch, als ich die Bewertung lese. Drei Absätze mit durchschnittlich vier Zeilen. Anmerkungen, die mich ratlos zurücklassen. Was haben wir gut gemacht, was hätten wir anders machen können? Ich verstehe die Bewertung nicht. Nicht die Note, sondern die Argumente und was ich daraus lernen kann, ist mir schleierhaft. An einer Stelle im Vortrag hätte ich „rumgerührt“. Ich empfinde die Wortwahl als verletzend, auch wenn ich wirklich an dieser Stelle einen Hänger hatte. Ärger steigt auf. Es macht den Anschein, als hätten die Juroren unser begleitendes Booklet gar nicht gelesen. Mund abwischen, weiter gehts. Es bleibt keine Zeit. Strategie ist vorbei, jetzt ist Unterricht. Oliver Dahl ist freier Texter und macht mit uns Copy-Übungen:

 

Wir gehen in den anderen Raum hinüber, die Gruppe wird geteilt. Mir ist schlecht, ein bisschen schwindelig. Ich habe keine Lust mehr hier zu sein, aber das interessiert jetzt niemanden. Leisten! Copytraining, kreativ sein. Auch Events brauchen eine Copy, Social Media braucht Copies, nicht nur Plakate und Funk-Spots. Was macht einen guten Text aus? Oliver hat recht: Wir hören in der Akademie ständig etwas dazu. Doch keiner wagt es, etwas konkretes zu sagen. Ich wage kaum etwas konkretes zu denken. „Es kommt auf den Fall an“, sagt Oliver. Das höre ich sonst immer von Juristen (ergo: ich sagte es bis vor kurzem gerne selber). "Fesseln", "richtig sein", "begeistern", "informieren", "irritieren", "schön sein", "gut klingen".

 

Das Wichtigste ist „Relevanz“. Zum einen relevant für das Medium. Denn in einer Tageszeitung sind Menschen bereiter lange zu lesen, als bei der Betrachtung eines Plakates aus dem Auto. Ich überlege, was das für Auswirkungen auf die Plakate haben müsste, die wir in der Agentur grade erstellen. Und die Relevanz für die Zielgruppe. Un drittens "muss Relevanz für die Aufgabe bestehen“. Dann ist der Text gut. Wir sollen auf den Rhythmus achten, die Struktur, Einfachheit, "Parlando". Schreiben wie wir sprechen; nicht wie wir denken, dass geschrieben werden muss in der Werbung. Schreibe so, wie Du bist. Texten für die Sinne, vor allem für das Auge. Bejahe, denn Verneinungen sind zu 48% schwerer zu erfassen. "Was mag das für eine doppelte Verneinung bedeuten?", frage ich mich.

 

Erste Textübung: Für ein amerikanisches Muscle Car sollen wir eine Copy schreiben. Die Headline „DE-MINIVAN YOURSELF“ ist vorgegeben. 15 Minuten Zeit, maximal 30 Zeilen. Go!

 

Ich möchte die Lebenssituation eines Minivan Besitzers mit der eines Muscle Car Besitzers vergleichen. Im Muscle Car riecht es nach Leder und Motorenöl, statt nach Penaten Babyöl. In den Sitzen ist Whiskey verschmiert und Lippenstift, statt Babykotze/-brei. Das Verneinen des Familienwelt stößt mir auf, "48% schlechteres Verständnis". Die 15 Minuten sind rum. Das Problem der negativn Formulierungen im Text ist noch immer ungelöst. Brauche ich die überhaupt? Wir bekommen fünf Minuten Verlängerung. Die Zielgruppe der männlichen Mitvierziger kennt all die Baby- und Familiengerüche, -geräusche und –momente im Minivan. Ich kürze sie raus und lese als erster vor:

 

„Die Tür öffnet nur für Dich. Ein Fahrersitz, keine zweite oder dritte Sitzreihe. Der Geruch von schwarzem Leder. Auf Deinem Sitz: ein Rest von Samstagnacht, genauer, dem frühen Sonntagmorgen auf der Straße, in der Stadt. Die Türe schließt und es herrscht Ruhe. Bis der Schlüssel das Gatter aufsperrt: mehr als 400 PS. Auf dem Beifahrersitz: Gänsehaut, ein Lächeln.

 

Der erste Gang, die ersten Umdrehungen, die erste Bewegung, seit langem. Schnaufen. Kurvenfahrt, in den Sitz gepresst. Vorbei an der Vergangenheit. Zurück ins Heute.
DE-MINIVAN YOURSELF.“

 

Ich mag es nicht, dass ich zum Schluss keine Sätze mehr bilde. Aber der Text kommt gut an. Das Feedback von Oliver ist bei allen eher etwas weniger detailreich. Aber hier und da helfen seine Anmerkungen. Die Übung lohnt sich, wie fast jede Übung in der Schmiede. Für Autowerbung eignen sich klare Hauptsätze, stellt er fest. So wird jeder Satz zu einem Statement. Stark und Selbstbewusst. Mit „Autos“ scheint Oliver dann aber eher Mercedes zu meinen, als Suzuki.

 

Ich mache mir Gedanken um eine Frau. Das Wochenende war voller Wirren in dieser Hinsicht. Ich versuche es auszublenden, aber ein unwohles Gefühl bleibt und findet das schlechte Gefühl der Hausarbeit auf dem Weg zum Ausgang. Die zwei verstehen sich leider gut und ich bekomme Kopfkino. Weg damit. Zurück zur Übung, zusammenfassende Kritik: Wir müssen noch mehr versuchen, Bilder und Geschichten im Kopf entstehen zu lassen. Bilder, die nachempfunden werden können. Im Fernsehen ist bei Autos fast nur noch von dem Gefühl die Rede, das man beim Fahren hat. Ist das so? Ich schaue ja kaum Fernsehen. Bei den Spots im Netz ist mir das noch nicht aufgefallen.

 

Niederlage. Die Hausarbeit und die Gedanken an sie holen mich wieder ein. Heute schmerzt es. Doppelt. Ich überzeichne, dramatisiere. Beides. Will fliehen. Ein „gut“ ist immer noch eine gute Note. Und mit ihr? Das wird schon alles. Nichts ist verloren. Was soll werden? Was soll nicht verloren sein? Es ist doch gar nichts. War doch gar nichts. Soll auch gar nichts werden.

 

Die Pausengespräche drehen sich um die Noten und die Bewertungen. Unsere Note überrascht die meisten. Wieder höre ich, dass unsere Präsentation am besten gefiehl. Ich zucke mit den Schultern. Einem Monat alles geben, am Wochenende bis halb fünf morgens in den Agenturen einschließen,  unter der Woche nach der Schmiede bis in die Nacht diskutieren, dafür hätte ich einfach mehr als diese drei kurzen Absätze erwartet. Ich kann aus dem Feedback einfach nichts lernen. „Handwerkliche Mängel“, aber wobei denn? Auf zwei Maßnahmen geht die Bewertung ein, aber wir hatten sechs Stück in der begleitenden Dokumentation und drei in der Präsentation. Wir fühlen uns sitzen gelassen.

 

Ende der Pause. Für eine Bank sollen wir die zweite Übung bestreiten. Kurze Headlines für den Handel mit Rohstoffen, Gold (im speziellen) und die Neuen Märkte (Russland, China, Indien, Brasilien usw.). Meine erste Idee ist wieder die, die am besten ankommt: „Kaffee ist alle“. Nicht so ganz ernst gemeint ist „Mit Roggen zocken“. „"Ni hau" auf kaufen. Klicken reicht“ ist zu sehr um die Ecke gedacht und versteht keiner. Dachte ich mir. „Sieben goldene Glücksdrachen kaufen“ klingt sehr schön, aber ist vielleicht doch zu schnörkelig und beinhaltet streng genommen auch zwei Gedanken (China als neuer Markt und den Rohstoff Gold).

 

Zuhause angekommen rede ich mich in Rage. Mein Mitbewohner kriegt es ab. Dass ich die „Hammeridee“ in Sachen Strategie hatte, aber wir sie nicht aufgegriffen haben, ärgert mich; aber auch die Art und Weise des Feedbacks von der Schmiede. An der Benotung will ich gar nicht rütteln, aber wenn sich so ein Unbehagen breit macht, dann sollte man es ansprechen. Wer die Klappe hält, unterstützt den Status quo. Wir werden das nicht auf uns sitzen lassen, beschließe ich und kippe ein schnelles Bier. 

 

Bei der Hausarbeit habe ich sicher einige Fehler gemacht. Aber ich würde die Fehler gerne kein zweites Mal machen und dazu muss ich wissen, was schief ging. In der Agentur mache ich auch Fehler. Ein Schema kann ich aber nicht erkennen. Zum zweiten Mal habe ich in der Agentur nach Feedback gebeten. Ich hoffe diese Woche eines zu bekommen. Und insgeheim hoffe ich... Ich habe noch viel zu lernen. Halb zwei. Wieder kaum Schlaf heute Nacht. Ich muss auch mal lernen, früher ins Bett zu gehen.

 

 

Dienstag, 07.01.2014

Abschiedsbrief. 

 

„Liebe Caro,

 

ich werde sterben. Irgendwann. Ich weiß nicht wann. Niemand weiß es, bis es soweit ist. Du weißt es.

 

Warum einige von uns mehr Zeit bekommen, einige weniger, weiß niemand. Ich weiß, dass es heute keine Beweise für den Sinn oder Unsinn von Leben oder Tod gibt. Entweder ich glaube an irgendeine Art von Sinn oder ich verdränge. Meistens verdränge ich. Ich verdränge dann nicht nur den Tod. Ich verdränge auch, dass ich lebe.

 

An dem Tag Deines Todes, kann ich nicht verdrängen. Heute, kann ich nicht verdrängen. Noch vor wenigen Monaten haben wir zusammen gearbeitet, gelacht und getrunken. Niemand ahnte damals etwas. An Deinem letzten Geburtstag ahnten wir, dass es vielleicht Dein letzter Geburtstag sein könnte. Und so war es.

 

Ich glaube an keine bestimmte Religion, Philosophie oder Wissenschaft, die versucht mir einen Sinn zu geben. Ich glaube daran, dass die zwei wichtigsten „Dinge“ in meinem Leben sind, Zeit mit Menschen zu verbringen, die ich gerne habe oder liebe, und dass ich die Dinge tue, die ich gerne tue oder sogar liebe. Ich hoffe umgekehrt, gern gehabt und sogar geliebt zu werden. Schaffe ich das, macht mein Leben für mich Sinn.

 

Du wurdest geliebt: Von Deiner Familie, von Deinen Freunden, von deinem Freund.

 

Du liebtest: Deine Familie, Deinen Freund, Deine Freunde. Und Deine Arbeit. Du liebtest die Musik und fast jeden Atemzug.

 

Wenn liebend und geliebt das Leben Sinn macht, dann spielt es für mich keine Rolle, wann der Tod eintritt. Dann hast Du alles bekommen, was im Leben wichtig ist und hast alles gegeben, was im Leben wichtig ist.

 

Was mir jetzt bleibt? Dafür zu danken, dass Du hier und da Sinn in mein Leben gebracht hast. Und weiter zu machen: noch mehr Zeit mit Tätigkeiten und Menschen zu verbringen, die ich liebe. Denn ich weiß nicht, wie viel Zeit ich habe. Niemand weiß, wie viel Zeit ihm bleibt. Bis es soweit ist. 

 

Katsche"

In der Nacht zum Dienstag, den 03.12.2013

 

Meine Fresse, wird die Präsentation morgen scheiße. Wir haben uns abgerackert, aber vielleicht nicht genug. Uns allen ist nicht wohl und wir ziehen von dannen mit einer halbgahren Strategie für unserer Strategiehausarbeit an der Schmiede, und einer rohen Präsentation. Heute um 17.30 Uhr müssen wir den Schulterblick präsentieren und es sieht wirklich nicht rosig aus. Wir schwimmen und haben bisher fast alles Kriterien für eine gute Präsentation herzlich unbeachtet gelassen. Wer einen Rechner mitnimmt ist noch nicht mal klar. Aus Sicherheitsgründen packe ich lieber auch mal meinen ein. In unsere Facebook-Gruppe hacke ich noch ein paar Zeilen. Vielleicht helfen sie ja. Das wird morgen richtig auf den Sack geben, befürchte ich. Aber immerhin zählt das ja noch nicht so richtig. Die finale Präsentation ist erst in zwei Wochen. Dennoch habe ich keine Lust, mich morgen als Vortragender lächerlich zu machen. Meinem Mitpräsentierer geht es da ähnlich. Irgendwo ist da der Wurm drin. Wo kann ich leider noch nicht sagen. Im Kern haben wir ein paar echt gute Sachen. Nur die Herleitung ist noch nicht in Form. Auf die kommt es aber leider an. Ich bin sehr gespannt, ob wie den Karren noch irgendwie aus dem Dreck bekommen...

 

Mittwoch, 27.11.2013

mach an das Licht hier!

Hitlers Auto im jüdischen New York – Egofuckerscheiße – Elbtunnel – Liebe – Berlin – Junggesellen – Präsentieren kommt von President. 

 

Ich könnte heute endlich mal vor ein Uhr schlafen gehen. Zwar nicht mit einem reinen gewissen, aber ich könnte. Seit zehn Tagen hat die Schmiede den zweiten Gang eingelegt. Die erste Hausarbeit hat begonnen. Wir sind zu viert in einer Gruppe. Es geht um Strategie. Der Kunde ist ein echter und sogar einer meiner absoluten Lieblingsunternehmen. Die Freude war riesig, die Aufgabe deshalb nicht viel leichter. Nun ist es so, wie es zu Beginn ja auch angekündigt war: ich sitze jeden Abend bis ein Uhr vor dem Rechner, nach acht Stunden in der Agentur und drei Stunden in der Schmiede. Ein paar Schmiedevorlesungen fallen aus, so können wir uns treffen. Leider weit ab vom Schuss im tiefen Veddel. Von dort aus noch mit dem Rad nach Hause fahren macht 40 Minuten. Der alte Elbtunnel ist ab 19 Uhr geschlossen, sonst wäre er eine Abkürzung. Dieses Wochenende steht der Junggesellenabschied einer meiner besten Freunde an. Ich bin Trauzeuge und daher in jeder „freien“ Minute am organisieren. Ohne tatkräftige Hilfe wäre es unmöglich. Lieben Dank an Euch, solltet ihr das hier (jemals) lesen.

 

Mein Tagebuch füllt sich weiter, aber nur das handschriftliche. Es tut mir weh und Leid. Ich fühle mich schlecht. In der Agentur geht es hin und her. In der Schmiede ebenfalls. Manchmal läuft es großartig und ich denke „morgen übernehme ich den Laden hier“ und dann (leider überwiegend) denke ich, dass das hier alles irre nach hinten losgehen wird. Meine Schwäche scheint mir immer mehr zu sein, dass ich mich auf die Arbeit anderer nicht einstellen kann. Ich fühle irgendetwas und dann bastel ich so lange daran, bis ich präsentieren muss. Sei es in der Runde oder tatsächlich in der Schmiede. Oft drücke ich meine Ideen durch. Dabei habe ich den Eindruck, die Ideen der anderen zu kurz kommen zu lassen. In der Hausarbeit geht es mir ähnlich. Das Tandem hilft mir, aber Ende will ich meinen Scheiß machen. Das kann auf Dauer nicht gut gehen, finde ich. Egofuckerscheiße.

 

Heute hatten wir in der Schmiede einen exzellenten Vortrag. Präsentationstraining. Schon nach etwa zehn Minuten notiere ich mir in mein Heft auf der Rückseite meines Blattes: „is das geil! Ich steh total drauf!“. Er hält die seltene Wage zwischen wirklich ausgeklügelter rhetorischer Technik und vollkommener Leichtigkeit und AUthenzität. Man hat nie den Eindruck, dass er etwas tut oder sagt, weil das so irgendwo in einem Lehrbuch steht. Es passt alles zusammen. Zweier Teams: wir sollen den VW Käfer in den 60er Jahren in USA verkaufen. Die Idee und Lösung gibt er uns vor. Wir sollen „nur“ die Präsentation machen. Das gleiche Spiel... Ich habe irgendetwas im Kopf. Mein Partner ist ein kreativer Kopf, den ich sehr schätze. Wir spielen uns schon die Bälle zu, aber ich brauche immer ein bisschen bis ich den Ball zurückspiele. Und öfters ist es auch nicht der gleiche Gedanke, den ich zurückspiele, sondern ein ganz anderer. Die Zeit ist um und wir haben eine grobe Idee, wie die Präsentation und Geschichte ablaufen könnte. Wer welchen Teil spricht, ist offen. Ich soll halten. Nein, wir splitten. Ich schreibe alle nochmal in Reinschrift, denn wir können nicht sprechen und die anderen legen schon los. Er findet es gut, wir teilen den Text. Ich modele wieder rum am Text. Ich soll alleine halten. Ich modele weiter rum. Fast alle sind inzwischen durch mit ihrer Präsentation. Bei jedem Ende wird mir wieder schlecht und schwindelig, denn ich könnte der nächste sein. Dieses Lampenfieber ist sehr lästig. Das ist sehr milde ausgedrückt. Ich bin dran! Mein Partner steht mit auf! Ich bin durcheinander. Zum Glück war jemand schneller. „Doch zu zweit?“ frage ich ihn. „Ja, schau, bis zu dem Teil spreche ich, dann Du...“. Er deutet auf seinen Block. Die Idee ist unsere, aber sein „Teil“ ist aus meiner Sicht eigentlich schon ein fertiger Vortrag. Was ich danach noch sagen kann ist: „Vorhang auf“. Zu meinem Vortrag passt es auch nicht mehr so ganz. Wir haben in der Stille voll aneinander vorbeigearbeitet. Was tun? Mischen? Beide? Einer? Wir einigen uns darauf, dass ich meinen Version präsentiere. Mir geht es dabei nicht gut, denn wieder habe ich das Gefühl, meine Scheiße durchgepresst zu haben. Egofucker. Aber jetzt ist präsentieren angesagt. Alles geht gut. Obwohl mir wieder gefühlt die Halsschlagader platzen müsste, geht alles über die Bühne. Ich verweise darauf, dass es ein gemeinsames Werk ist und teile damit die Loorbeeren. Aber es ist doch etwas anderes, wenn man selbst erntet und dann teilt, als wenn man gemeinsam erntet. Ich teile lieber. Oder noch lieber, lasse ich ernten und werde dann im Abspann genannt. Andererseits würde ich lügen, dass ich es nicht genieße, wenn ich selbst miterlebe, „wenn ein Plan funktioniert“.

 

Die Vorlesung und Übung dauern wie immer drei Stunden. Heute aber am Stück. Niemand fragt nach einer Pause. Wir machen auch keine. Wir wollen auch keine. Wenn Du etwas tust, was Du liebst, dann fesselt es Dich. Dann willst Du keine Pause.

 

Mittwoch, 06.11.2013

Oiter Fuchs – da geht was

Aliens I – Zwei Kästen Bier fehlen – Nikolaus – Karrierewege –Zeitsprünge – Flash – Gordon – SWOT – Team – Jung von Matt – Wie viele Zielgruppen gibt es eigentlich – nüchtern betrachtet?

 

 

In einem Monat ist Nikolaus. Die Zeit rast und steht still. Sind es schon fünf Wochen oder erst? Es fühlt sich an wie eine Ewigkeit, wenn ich daran denke, wie viel mehr ich schon weiß und wie anders ich schon heute über Werbung, den kreativen Prozess, Ideen und Strategien nachdenke. Es fällt mir schwer auszumalen, was in kommenden 11 Monaten noch auf mich und uns zukommt.

 

Seit Tagen beherrscht ein Kunde meinen Agenturalltag. Leider wird dieser Kunde nicht derjenige sein, der mein Brandsetzungs- und Explosionsidee umsetzt, denn die Idee hat es agenturintern nicht in die Präsentation geschafft. So ein Ärger. Die nächste Gelegenheit kommt bestimmt. Die Pfeilerei und der Druck mit dem wir an der Präsentation arbeiten geht mir gar nicht so wahnsinnig auf den Keks. Das ist eben eine Sache, die gemacht werden muss. Nebenbei baue ich einige Konzepte noch weiter aus, telefoniere Zulieferer ab und maile mit mehr oder weniger lustigen Menschen, die alle irgendwie mit diesem Projekt zu tun haben oder haben könnten. Was mich nervt, ist das ich eigentlich auf einen anderen Kunden arbeiten soll, und zwar von der Planung bis hin zu Kampagnenansätzen. Das ist exakt das, was wir die letzten zehn Tage verstärkt im Unterricht und der Schmiede machen und worum sich auch unsere Hausarbeit drehen wird. Zudem mag ich den Kunden. Mir brennt es unter den Nägeln und so schmerzt jede Minute, die ich an der Präsentation sitze.

 

Nach dem Mittagessen nehme ich mir eine Stunde, um meinen eignen Ansatz für den Kunden runter zu rattern. Ich hatte sonst noch keine Minute, die ich mich mit dem Kunden und den Zwischenergebnissen beschäftigen konnte, die der Rest des Teams erarbeitet hat. Also tue ich, als sei ich in der Schmiede und ratter einfach mal los, voller Zeitdruck, wie in den Übungen. Am Ende stehen knapp zwei Seiten zu diesen Fragen, die ich mir aus den letzten Vorlesungen zusammengebastelt hatte (und teilweise ergänzt):

 

- Wie ist die Aufgabenstellung? (in eigenen Worten, nicht Briefing übernehmen)

- Wo steht die Marke heute? SWOT (Strength, Weakness, Opportunity, Threat)

- Wie funktioniert der Markt, auf dem die Marke aktiv ist/sein will?

- Wer sind die Wettbewerber? (weiter Blickwinkel!)

- Wie sieht die Zielgruppe aus? (ggf. „Image-Zielgruppe“ und reale Zielgruppe unterscheiden)

- Wie sahen die bisherigen Kampagnen der Marke aus?

- Wie definiere ich die Marke ab heute?

- Wie komme ich da hin, dass die Marke so wahrgenommen wird?

 

Auf diesen Grundlagen bastle ich mir erste Ansätze für Kampagnen. Eine Stunde geht sehr schnell vorbei, aber ich finde meine Richtung gar nicht schlecht. Im Meeting rede ich viel zu lange und erkläre viel zu viel. Da wir auch schon eine Vorlesung über Präsentationtechniken hatten, ist mir bewusst, was ich alles falsch mache. Besseres Wissen allein hilft nur leider nicht, man muss es auch auf die Straße kriegen. Leider muss ich wieder an mein anderes Projekt und bekomme daher den Rest der Besprechung nicht mit und weiß auch immer noch nicht, was eigentlich Stand der Sache ist. Hoffentlich kann ich dort morgen etwas mehr einsteigen.

 

In der Schmiede begegne ich zwei bekannten Gesichtern. Die zwei Dozenten sind Planner aus einer der Agenturen, in deren Netzwerk ich früher als Anwalt gearbeitet hatte. Nach meinem Ausscheiden hatte ich auch mal in die Richtung Planning gedacht und mich daher auch mal mit unserer Chef-Planner unterhalten. Außerdem habe ich ohnehin gerne jede Chance genutzt, mit dem kreativen Menschen aus der Agentur selbst in Kontakt zu kommen. Und zwar grade während der Zeit, als ich in der Holding Gesellschaft noch als Anwalt gearbeitet hatte. Aus heutiger Sicht war es fast anbiedernd, erbärmlich und hätte mich früher alarmieren sollen, dass ich in diesem Anwaltsberuf einfach falsch bin.

 

Mein Flashback ist geringer als erwartet und die zwei scheinen auch gar nicht so überrascht zu sein, dass ich mich inzwischen hier tummle. Leider hatte ich vergessen ihnen den Tipp zu geben, dass sie sich mit zwei Kästen Bier ziemlich beliebt machen könnten bei uns. Denn die Hausregel Nr. 1 besagt, dass in der Schmiede kein Alkohol getrunken werden darf, außer er wird ausgegeben von der Schmiede, oder den Dozenten. Bisher wurde diese Regel noch sehr spärlich ausgereizt. Gar nicht eigentlich. Außer beim Eröffnungsabend, da gab es natürlich ein paar Knollen. Aber auch keine Mengen, die einen Wirkungstrinker beeinträchtigt hätten.

 

Die Werbung ist für die wenigsten Menschen der letzte Stopp. Und nur für die wenigsten war es der erste. Nach der Stunde plaudern wir noch ein bisschen über das „Nachwuchsproblem“ in der Werbung und auch kurz über die Akademie, die die Agentur Jung von Matt derzeit aufbaut. Angeblich soll man dort zwei Jahre ausgebildet werden und für die Ausbildung so viel zahlen, wie man Gehalt bekommt. Also Schmiede nur eben zwei Jahre und von einer Agentur, statt von vielen. Natürlich ist Jung von Matt nicht irgendeine Agentur, sondern sie wird zu einer der besten gezählt. Auch diejenigen, die nicht aus der Werbung sind, kennen zumindest Jung von Matt. Ob sich das Nachwuchsproblem mit so einer Akademie in den Griff bekommen lässt? Da das Berufsbild des Texters ungefähr bei der Attraktivität von Immobilienmaklern und Hundfängern rangiert, bezweifle ich die Aussichten etwas. Aber wer weiß. Vielleicht bin ich ja auch nicht ganz richtig informiert über diese Akademie.

 

Zuhause schaue ich mir einen Werbespot über Brot an, auf den wir hingewiesen wurden. Sendejahr: 1973. Der Regisseur: Ridley Scott. Sechs Jahre bevor Alien in die Kinos kam. Karrieren verlaufen schon merkwürdig manchmal.

 

http://www.youtube.com/watch?v=6Mq59ykPnAE

 

PS: 1984 kündigte ein Spot von Ridley ein Produkt an, dass Welt vieler ähnlich veränderte, wie die Schaffung von Alien: der Apple Macintosh.

http://www.youtube.com/watch?v=vNy-7jv0XSc

 

Donnerstag, 31.10.2013

uuuooooaaaa!
Mein erster Wettbewerb

 

 

Menschen anzünden – Zielgruppenanalyse – ruhig Blut – Abgabestress – Achterbahn – Bollobauch

 

Wir haben uns in einer kleinen Gruppe dazu entschieden, eine Übung bei der Schmiede weiterzuentwickeln und sie bei einem Filmwettbewerb einzureichen. Es sollte nicht so viel Aufwand sein, da wir uns bei der Präsentation auf einfachste Mittel beschränken wollen. Pah! Selbst bei diesem Anspruch ist das eine riesen Aktion. Ich sitze bis schon wieder bis knapp 2 Uhr nachts am Rechner, dann schreibe ich wirklich nur noch Unsinn und gehe ins Bett.

 

Leider wurde mein Vorschlag in der Agentur heute nicht angenommen. Wir werden nichts anzünden und niemanden explodieren lassen. Verdammt. Schon wieder nicht. Und gerappt hab ich heute in der Schmiede auch wieder nicht. Dafür liefen ein paar andere Sachen. Eine Idee wurde in der Agentur sehr gut aufgenommen, mein Chef ist begeistert.

 

Aber: Die heutige Übung in der Schmiede lief zunächst ganz beschissen. Wir sollten eine Strategie entwickeln für die Einführung eines bestimmten Produktes und diese in maximal fünf Minuten präsentieren. Vorbereitungszeit: 50 Minuten. Zielgruppe, genutze Medien und Strategie sollten wir festlegen und eine grobe Kampagnenidee liefern.

 

Lange Zeit passte mir nichts von dem, was wir in der Grupe diskutieren. Ich will nicht den Spielverderber machen und halte mich zurück. Irgendwann platzt mir der Kragen und haue ungefiltert alle möglichen Einwände raus und wie ich mir das vorstelle. Sehr fragmentarisch teilweise. Teile davon nehmen wir auf, Teile ändern wir ab. Einiges werfen wir in die Tonne.

 

Präsentation: Zwei für mich sehr wichtige Punkte kommen nicht rüber. Ich bin unruhig, nervös. Wir haben uns einen Wettbewerb als Kampagne ausgedacht, aber der Präsentierende aus meiner Gruppe erklärt den Mechanismus kaum und was der eigentliche Anreiz ist, den Wettbewerb zu machen. Stattdessen Ausführungen über die Möglichkeiten von Facebook und so weiter und so weiter. Alles nicht falsch, rhetorisch auch super. Aber mir fehlte da was. Auch die Beschreibung der Zielgruppe und der Strategie kommt nicht so rüber, wie ich es mir gedacht hatte. Ich bin total aufgewühlt. Die Jungs haben es objektiv ordentlich gemacht und ich hätte es wahrscheinlich nicht besser hinbekommen, aber dennoch ärgere ich mich innerlich. Nicht über die Jungs, sondern über die guten Ideen, die gestorben sind und nun unbelebt in der Ecke liegen und nie von jemandem gesehen werden. 

 

Glücklicherweise findet der Dozent doch immerhin unsere Zielgruppenanalyse wieder. Ich war wohl überkritisch. Es war wohl doch verständlich. Er mag unsere Story und hebt den Beitrag unserer Gruppe mit einem weiteren Beitrag hervor. Ende gut, alles gut. All die Aufregung umsonst.

 

Heute gelernt:

1) Ruhig bleiben. Oder vielleicht brauche ich das doch einfach so?
2) Es reicht nicht aufzufallen und laut zu sein. Auch der Grund, warum jemand das Produkt kaufen soll, muss rüber kommen.

 

Punkt 2) ist übrigens auch die Erkenntnis des gestrigen Tages. Und das Spaghetti auch vier Tage hintereinander noch schmecken. Wenn man will. Da sollten sich die Leute echt nich so aufregen...

 

Montag, 28.10.2013

 

Regen, Hamburg halt – Zombies – hässliche Ponchos – Brief an Barack Obama – Fußball fällt aus – Spaghetti Bolo

 

Hamburg, Du meine Stadt. Heute zeigst Du Dein wahres Gesicht. Es schifft wie sau und der Wind ist amtlich. Ein Blick aus dem Fenster nach dem Aufstehen verrät mir, dass heute der Tag ist, mein Regencape zu testen. Ich will mir das Bahnticket sparen und halte radeln ohnehin für das beste Fortbewegungsmittel unserer Zivilisation. Daher habe ich Ästhetik über Bord geworfen und beschlossen mir diese graue riesen Kappe überzustülpen, die wir ein Plastikponcho aussieht – und eigentlich auch einer ist. Auf dem Rad weht mir den Wind den Poncho über die Knie und ich ziehe ihn alle paar Meter runter wie ein prüdes Schulmädchen. Ein Kampf. Kampf! Sieg! Ich werde siegen gegen diesen Wind und Regen! Leider nein. Der Poncho ist super, aber alles unterhalb des Schienbeins ist klitschnass. Spitzen Wochenbeginn. Ich brauch eine regendichte Überziehhose.

 

Der Agenturtag beginnt eigentlich ziemlich gut. Events für einen Kunden entwerfen macht in jedem Fall Spaß. Hinzu kommen gleich danach zwei Aufgaben für die nächsten zwei Wochen, die sehr offen und bewusst etwas „gaga“ und durchgedreht sein sollen. Bei mir rasen die Bilder durch den Kopf. Das ist zwar alles noch mies und passt nicht, aber immerhin rattert irgendwas in meinem sonst so leeren Oberstübchen. Meinem Ziel, endlich etwas anzuzünden komme ich näher. Jedenfalls werde ich wieder so etwas für die Events vorschlagen, nämlich eine Feuerwehrdemonstration. Das könnte wirklich klappen. Und man könnte auch etwas explodieren lassen. Oh mein Gott. Meinem Traum so nahe. Es geht alles so schnell. Das schlimmste ist, wenn Träume in Erfüllung gehen. Dieser Satz ist doppelter Unsinn, denn erstens wird die Idee sehr wahrscheinlich wieder durchfallen und zweitens sind erfüllte Wünsche nur denn schlimm, wenn man danach keine mehr hat. Und sowas wird mir so bald nicht passieren.

 

Orkantief „Christian“ sorgt über den Tag für apokalyptische Zustände. Die S-Bahn fällt aus. Auf dem Weg von der Agentur zur Schmiede stehen reihenweise Autos, überall Menschen auf den Gehwegen und Straßen, an jeder zweiten Ecke Feuerwehr- und Krankenwagensirenen. Ein Gullideckel hebt sich und ein Zombie greift nach meinem Fuß. Ich bin nur an der Kette hängen geblieben, aber Zombies würden gut in dieses Bild passen. Um fünf vor sechs sind wir nur vier anwesende Studenten. Kurz nach sechs wird uns mitgeteilt, dass der Dozent nicht durch den Verkehr kommt und die Schmiede heute ausfällt. Wir freuen uns über die Gummibärchen und ich mache den Salat auf, den ich mir immer mitnehme. Michael, der Leiter der Schule, bietet den inzwischen knapp 30 Leuten an, doch noch eine Textübung zu machen. Die meisten wollen insgeheim glaube ich eigentlich lieber nach hause, aber Anstand und Gewissen und fehlende Aussicht auf Transportmittel (S-Bahnen immer noch stillgelegt) halten die meisten auf den Stühlen.

 

Die Übung entpuppt sich als ziemlich intensiv, aber auch wirklich sehr lehrreich für uns alle: Heute sind wieder neue Fakten zur Abhörung von Angela Merkels Handy durch die USA/NSA/Obama ans Licht gekommen. Die Aufgabe: Stellt Euch vor, ihr sollt einen Brief für Angela Merkel an Barack Obama schreiben. Rechnet damit, dass der Brief übersetzt und in den USA veröffentlicht wird. Der Brief soll ein klares Signal enthalten, dass die Abhörungen aufhören müssen. Auf der anderen Seite soll der Brief die Beziehungen zwischen USA und Deutschland nicht gefährden und im besten Fall sogar verbessern. 20 Minuten, ab jetzt.

 

Hm. Ich blicke etwas ratlos umher. Diplomtisch sollte er sein. Aber in jedem Fall eine klare Ansage enthalte. Die Amerikaner lieben rhetorische Mittel und es muss in jedem Fall etwas pathetisch sein. „Sicherheitsbedürfnis“ notiere ich mir als Stichwort. Ich grüble weiter und bekomme eine Idee. Noch nichts greifbares, aber ein Gefühl. Ich muss meistens einfach erst einmal anfangen zu schreiben. Dann stelle ich häufig um, denn das Ende ist bei mir dann meist der Anfang, oder die Mitte, oder es bleibt der Anfang. Ein Schema gibt es eigentlich nicht. Ich schreibe los, streiche durch, stelle um. 20 Minuten sind um.

 

Fertig ist der Text nicht. Es geht los: Die ersten sollen anfangen, vorzulesen. Stehend. Ich bekomme zwei neue Ideen und stelle wieder um, streiche durch. Mein Text sieht wahnsinnig chaotisch aus. Ich hasse sowas und ich kriege einen nervösen Herzschlag, der mich fast zum hyperventilieren bringt. Nichts anmerken lassen. Cool bleiben. Es ist nur eine Übung. Für mich ist es fast egal, ob ich vor 30 oder vor 300 Leuten spreche, denn nervös bin ich immer. Wahrscheinlich liegt das daran, dass ich mich meist sehr identifiziere mit dem, was ich schreibe. Auch heute noch bin ich nervös. Ich bin an der Reihe und lese vor.

 

Nach der Übung stellt sich heraus, dass folgendes gut funktionierte: ein persönlicher Touch, einfache und informelle Sprache und historische Bezüge. Und ein Perspektivenwechsel.

 

Ich fahre zum Fußball, auch wenn ich damit rechne, dass es heute wohl wahrscheinlich wetterbedingt ausfallen wird. Auf dem Weg wieder keine Zombies, aber das gleich apokalyptische Szenario. Zehn Minuten vor Spielbeginn ist der Platz ist menschenleer. Vor uns haben letzte Woche Leute gespielt. An der Bande hängt ein Schild, dass der Platz gesperrt ist „unbespielbar“. Ich ärgere mich etwas, dass mir keiner Bescheid gesagt hat. Ich schreibe eine Mail „Platz ist gesperrt“. Soll ich sie nur an Philipp, den Organisator schicken? Oder doch an alle? Philipp hat letztes Mal nicht mehr auf Mails reagiert. Dann lieber doch an alle. Ab nach Hause. Mir läuft ein Freund aus Köln über den Weg. Die Welt ist klein. Wir trinken Bier und sprechen über Werbung, Leben und Zombies. Um 11 bin ich zuhause und koche Bolognese. Ich bekomme eine Mail von Philipp: „Stimmt nicht, was soll die Info?“. Verdammt. Wie kann das sein? Es sah für mich so eindeutig aus. Irgendwie habe ich ein schlechtes Händchen bei dieser Kicktruppe. Letzte Woche liefen auch schon ein paar Dinge echt daneben. Naja. Kann ich heute Abend nichts mehr machen. Vielleicht nächstes Mal nen Kasten Astra. Obwohl, einkaufen will ich mich da auch nich. Bolo fertig. Ich fertig. 1 Uhr. Wecker klingelt in sechs Stunden.

 

PS: Mein Brief von Angela an Barack, wie ich ihn nach 20 Minuten vorgelesen habe

 

„Lieber Barack,

 

wenn Deutschland Dein Telefon abhören würde, wie würdest Du reagieren? Welches Wort würde Dir als erstes einfallen? Auf welcher Basis hat unsere Freundschaft und die Freundschaft unserer Länder seit Jahrzehnten basiert? Auf jede dieser Fragen gibt es nur eine Antwort, die ich akzeptieren kann: „Vertrauen“.

 

Wenn Deutschland Dein Handy abgehört hätte, dann würdest Du Konsequenzen fordern. Du würdest fordern, dass umgehend alles unterlassen wird, was unsere Beziehungen derart gefährdet.

 

Auf welcher Basis werden unsere Länder in Zukunft zusammenarbeiten? Auf welcher Basis wird unsere Freundschaft auch in Zukunft fortbestehen? Auf jede dieser Fragen gibt es nur eine Antwort, die ich akzeptieren kann: „Vertrauen“.

 

Deine Angela“

 

Sonntag, 27.10.2013

 

Wie man Preise gewinnt und reich wird – Wie man Stühle aus Fenstern wirft und warum – Was Planning ist und wo es das gibt – Was Planning nicht es und weshalb das nicht schlimm ist – Warum es meistens "der" CD heißen muss – Warum das keine sexistische Scheiße ist – und warum vielleicht doch. 

 

Sonntag, Zeit die Post öffnen. Das Versorgungswerk der Rechtsänwälte schreibt, ansonsten nur Werbung. Nicht mal Rechnungen. Nur Werbung. „Es ist nur Werbung“, steht in all meinen Notizbüchern auf der ersten Seite. Alles was ich hier tue, sollte ich nicht zu Ernst nehmen. Was uns die meisten Dozenten bisher auch immer eingetrichtert haben passt dazu: „Habt Spaß“. Den habe ich. In meiner Agentur überwiegend auch, in der Schmiede allerdings noch öfter.

 

Der Unterricht der letzten Tage stand sehr unter dem Stern von "Planning", worüber ich mich sehr gefreut habe. Crashkurs zur Theorie des Plannings und dann zwei Tage einmal praktisch selber machen: Vom Kundenbriefing über Kreativsatz bis hin zur Kampagnenidee, Idee für Claim und konkrete Umsetzung in mindestens zwei Medien. Wer grade nur Bahnhof verstanden hat, dem geht es wie mir bis vor kurzer Zeit. Also, idealerweise läuft es in einer Agentur wie folgt ab:

 

Der Kunde schickt ein Briefing an die Agentur. Er erklärt, was seine Marke oder Produkt (angeblich) alles kann, was er als Zielgruppe ansieht und welche Probleme die Agentur für den Kunden lösen soll (Verjüngung der Marke, Einführung neues Produkt etc.). Die „Strategie“ oder das „Planning“ (heißt je nach Agentur und Ausrichtung unterschiedlich) machen sich selber Gedanken über die (tatsächliche) Zielgruppe, Konkurrenzprodukte oder –marken, analysieren die bisherige Kommunikation und basteln das alles zusammen zu einer neuen Strategie, die die Probleme des Kunden lösen soll.

 

Am Ende des Planningsprozesses steht der „Kreativsatz“. Entgegen seinem Namen klingt der Kreativsatz oft sehr unspektakulär. Er soll idealerweise über Jahre hinweg halten und die Grundlage für viele verschiedene Kampagnen sein. Dem entsprechend wird er eher allgemein und etwas unspannend formuliert sein. Bei dem Deo "AXE" lautet der Kreativsatz zum Beispiel „Axe macht Dich für Frauen interessant“. Aus diesem Satz kann man Kampagnen entwickeln, die Männer auf den Mond schießen oder bei abgebrühten Karrierefrauen punkten lassen.

 

Wie immer in der Werbung werden mehrer solcher Kreativsätze entworfen und dann mit dem Kunden abgestimmt.

 

Nach der Freigabe ist der Satz die Basis für die weitere Kreation. Die ersten Kampagnen werden entwickelt, meist unter der Leitung des „CD“ (= Creative Director, also der Kreativobermacker der Agentur). In der Tat sind CDs anscheinend fast ausschließlich männlich. Vermutlich ist es hier wie bei vielen anderen Führungspositionen in der Wirtschaft: Frauen sind einfach zu schlau, sich Jobs anzutun, die Raubbau an Geist und Körper darstellen, dafür aber finanziell gut entschädigt werden. Aber vielleicht ist es auch einfach sexistische Scheiße und unfair. Wer weiß. Zurück zum „Idealablauf“ in den Agenturen: Die Kreation bastelt sich also die ersten Kampagnen zusammen. Sie erfinden "Überschriften", die sich in jedem Funkspot, TV-Spot, Event, Bushaltestellenposter oder Zeitungsanzeigen als Thema wieder auftauchen. Auch hier heißt es wieder: nicht eine Kampagnenidee mit verschiedenen Entwürfen für Poster und TV-Spots, sondern mehrere. 

 

Die „Berater“ oder „Kontakter“ stellen dann die Kampagnen und Umsetzungsvorschläge dem Kunden vor. Sie arbeiten quasi "zwischen" der Kreation und dem Kunden. Sie müssen den ganzen wirren Kreativkram dem Kunden so übersetzten, dass er es versteht und sexy findet. Zudem müssen Berater den ganzen Kundensalmon so an die Kreativen übersetzten, dass sie nicht tobend Stühle aus dem Fenster werfen und den Firmenitz des Kunden in Brand setzen, sondern weiter arbeiten. Manchmal kommen einzelne Kreative auch mit zu diesen Präsentation – je nach dem, ob es der Präsentation etwas nützt. Es gibt eben Menschen, die großartige Ideen haben, diese aber leider nicht verständlich präsentieren können. Manche Menschen können beides gut und manche Menschen können auch einfach gar nichts.

 

Der Kunde schreit nach der Kampagne-Präsentation immer „Yeah, Yeah, Yeah Motherfuckers!“ und nimmt immer den abgefahrensten Wahnsinn, den die Kreation sich ausgedacht hat. Er haut nochmal eine Million Budget on top raus und freut sich, wenn die Kampagne dann auch noch massig Preise absahnt.

 

Kurfassung „Vom Briefing zur Kampagne“: Briefing Kunde –> Planning -> „Kreativsatz“ -> Freigabe Kunde -> Kreation -> Entwürfe Kampagnen -> Freigabe Kunde -> Umsetzung Kampagne online und offline und auf irgendeiner line, die noch kein Mensch vorher kannte

 

Ergebnis: Menschen glücklich und erhellt von Kampagne, Umsatz für Kunde verdoppelt, Preise in Cannes für Agentur, $$$ für Agentur, fette Boni/Partys/Sonderurlaub für alle Kreative .

 

Man ahnt es: Theorie und Realität haben mal wieder keine gemeinsamen Freunde und kennen sich wirklich nur flüchtig.

 

Zu den einzelnen Diskrepanzen komme ich noch hier und da zurück. Vorläufig erst einmal zum Thema Planning in meinem Leben, also in meiner Agentur: Ich arbeite in einer kleinen Agentur und einen Planner/Strategen gibt es gar nicht. Das lohnt sich erst ab einer gewissen Größe, denn Planner und Strategen werden recht ok bezahlt und brauchen auch ständig was zu tun. Meine Briefings werden daher meistens ziemlich direkt vom Kunden übernommen und uns weitergeleitet. Einen "CD" in dem Sinne gibt es auch nicht, so dass mein Ansprechpartner meist entweder eine der Texterinnen, die Beraterin oder einer der zwei Chefs direkt ist. So mache ich meine eigenes kleines Planning, was Dank des Workshops in der letzten Woche hoffentlich langsam besser und schneller wird. Spaß macht mir Planning ehrlich gesagt schon. Von daher stört mich die Abwesenheit eines Plannings momentan auch gar nicht so risieg. Ich schätze mich selbst ohnehin eher als der Typ ein, der Konzepte entwickelt, aber nicht unbedingt bis ins Details plant und jeden Satz perfekt setzt. So darf man anscheinend auch ticken, wenn ich unsere Dozenten bisher richtig verstanden habe.

 

Bei allen Regeln und Tipps die wir bisher schon bekommen haben, läuft es ohnehin meistens auf die gleichen Punkte hinaus: „Kenne die Regeln. Dann brich sie. Alles geht. Es ist an Dir.“ Klingt einfach. Ist es auch. In der Theorie.

 

Donnerstag, 17.10.2013

 

Ich bin vollkommen im Eimer und würde am liebsten gleich ins Bett. Aber neben der Schmiede und Agentur soll man ja auch noch folgende Dinge tun: Bild-Zeitung lesen (Zielpublikum), Goethe und Kafka lesen (Sprachniveau, absurde Geschichten), ein bisschen Fachliteratur lesen, ins Theater gehen, gar nichts tun, mit anderen Menschen außer Werbern was machen, Sport, Steuererklärungen, einkaufen und Fingernägel schneiden. Ja: und alle Serien sehen, die grad so "in" sind. Wegen des Storytellings und dem Verständnis dafür, was eben grade "in" ist und warum. 

 

Dann Seriengucken, alles andere ist mir mir zu viel. Ein Freund bringt mir hoffentlich morgen was mit. Ich kann mich nicht entscheiden, womit ich anfangen soll. Mit Breaking Bad bin ich angeblich schon versaut und finde danach alles langweilig. Außerdem nichts für den Winter und schlecht für Suchtgeneigte. 

 

Eigentlich ist mir sogar Seriengucken zu anstrengend. Ab ins Bett, 22.15 Uhr. Nacht.

 

Mittwoch, 16.10.2013

Meine Fresse, ist das flach...
Kleine Bilderätsel im Büro sichern das Überleben. Auflösung gibt es irgendwo im Text

 

 

Geheime Notizen – Biere ohne Feier, dafür am Abend – Gottsein – Rauchen anfangen – Prostitution auf den Seychellen – Autos ohne Emissionen

 

Ich notiere viel in mein kleines Büchlein. Handschrift, direkt, mit wilden Linien, Durchstreichungen und ohne auf Schönheit zu achten. Details von der Agentur und aus der Schmiede. Aber wie ich es erwartet hatte: Abends sind alle vollkommen gerädert und es bedarf sehr viel Angang, dennoch ein paar Zeilen in den Rechner zu hacken. Ich gelobe Besserung und Einträge aus dem Heftlein zu übertragen.

 

Nach der Schmiede trinke ich meistens Bier. Den Austausch mit den anderen Pappnasen habe ich anfangs gemieden und bin nur mit einzelnen Leuten weitergezogen, die ich schon vorher kannte. Die Altersunterschiede machen sich inzwischen schon bemerkbar. Zwischen dem jüngsten Schmiedling und mir liegen mehr als zwölf Jahre. Von Ikonen meiner Jugend hat sie noch nie etwas gehört und das Praktikum in der Agentur ist ihr erster "Job". In Sachen kreativem Output sind mir dennoch einige überlegen, so jedenfalls mein Eindruck. Im Gegenteil: Mein Alter macht mir manchmal sorgen. Es gibt viele Texter, die in meinem Alter bereits Kreativgeschäftsführer großer Agenturen sind und 15 Jahre Erfahrung auf dem Buckel habe. Andere haben aber auch erst mit 35 angefangen und haben trotzdem noch großartige und bewegende Kampagnen erdacht. Also kein objektiver Grund zum Durchdrehen.

 

Manche Übungen laufen mir rein, andere gar nicht. Manchmal komme ich mir vor wie der Gott auf Erden, manchmal will ich einfach nur an die See fahren, mich betrinken und gleich weiter ziehen auf die Seychellen oder einen anderen paradiesischen Ort und mich dort leichten Mädchen und harten Drogen hingeben, bis mein Körper verkauft und meine Seele vertrocknet ist. Auf und ab. Hilltops and Valleys. Man kennt das. Selbstzweifel und Selbstbeweihräucherung gehören zu dem zwangsläufigen Inneren jedes kreativ arbeitenden Menschen. Das liegt daran, dass die Qualität von Kreativität nur sehr schwer messbar ist und es irre viele Flachpfeifen in dieser Branche gibt. Wie in jeder anderen Branche auch. Und so unwahrscheinlich ist es nicht, dass auch eine von diesen Flachpfeifen bin.

 

Nebenbei immer weiter: Verwaltungsthemen. Ummelden und immer noch die gleichen Versicherungs- und Zulassungsfragen, die mich schon seit zwei Wochen quälen. Und die juristische Vergangenheit holt mich auch langsam ein. Zwei ehemalige Mandanten wollen wieder Beratung. Einer kann mein "nein" nachvollziehen und akzeptieren, der andere baggert hart weiter und macht mir unmoralische Angebote. Aber ab morgen – wirklich sicher ab morgen... – habe ich keine Zulassung mehr und darf schlicht und ergreifend nicht mehr beraten. Das ist kein Egoding oder ein Anflug von Dramaturgie und: ich könnte das Geld ja auch wirklich gut gebrauchen. Aber ich habe schlicht und ergreifend keine Zeit. Guten Gewissens kann ich keine Mandate annehmen. Das kann nur schlampig werden.

 

Seit den knapp zweieinhalb Wochen in Hamburg habe ich mich schon ungefähr 14 mal verknallt und vier Mal verliebt. Diese Girls in Hamburg machen mich total fertig. Zum Glück komme ich nicht viel ans Tageslicht und es bleiben nur die Wochenenden. Schlafen, Essen, Radfahren, schreiben, schreiben, schreiben. Und über Werbung sprechen. Verstehen. Die Augen offen halten. Hart ablästern und so viel Passivrauchen, dass ich eigentlich auch anfangen könnte aktiv zu rauchen. Der Kaffeekonsum hat ebenfalls stark zugenommen und die Flachwitze werden auch nicht besser. Als heute Mittag eine liebe Kollegin lauter "Pick up"-Schokoriegel als Snack ankündigte, konnte ich es mir nicht verkneifen sie in eine Reihe zu legen und so eine... Na? "Pick up line" zu bauen. Die Menschen denken leider kaum in englischen Wortwitzen. Immerhin: wieder was gelernt.

 

Eigentlich hatte ich mir auf dem Rad heute morgen vorgenommen, in der Schmiede bei der Übung zu rappen. Aber wir haben "nur" Headline-Training gemacht und die Schreibübung als Hausaufgabe mitbekommen. Dann rappe ich eben noch ein bisschen alleine beim Zähneputzen und Brusthaare kraulen. Die nächste Übung kommt bestimmt. Und die nächste Notiz in meinem Büchlein ebenfalls.

 

Montag 07.10.2013

Auf dem Weg zur Agentur
Auf dem Weg zur Agentur

 

 

Mein erster Tag in der Agentur. Ich hatte mich oft gefragt, wie es sich wohl anfühlt, wenn es wirklich losgeht. Es war letztlich genauso banal und genauso schwierig, wie ich es mir gelegentlich ausgemalt hatte: Der Kunde plant ein Event, das passiert, das sind die Eckdaten, schreibe mal einen Radiospot. Morgen ist Abgabe, wir brauchen ein paar Entwürfe.  Ärmel hoch und los.

 

Meine Agentur ist mit weniger als zwanzig Mitarbeiter eher klein. Ich bin allerdings sicher, auch hier viel lernen zu können.

 

Der Abend kommt schnell und wir treffen uns in der Schmiede wieder. Ich freue mich einige der Gesichter zu sehen. Wir sind ein bunter Haufen und die ganze Truppe ist mir echt sympathisch. Ich spüre bei allen eine kreative Energie und dass alle wirklich Lust haben, in dem Jahr richtig was anzuzünden. Letztlich sind alle hier sehr ehrgeizig, aber ohne dabei geizig sein. Anders als die übewiegende Zahl meiner studentischen Juristen-Kollegen in Freiburg.

 

Ein bisschen setzt sich der Eindruck bei mir und anderen, dass der Alltag in den Agenturen doch sehr furchtbar sein muss. Anscheinend werden viele Menschen gezwungen in diesen Agenturen zu arbeiten, ohne Aussicht auf Besserung. Anders können wir uns nicht erklären, woher so manchen Ton aus den Agenturen kommt. Vielleicht soll ein paar von uns hier auch der Zahn der Naivität gezogen werden, aber bei mir entsteht immer mehr der Eindruck, dass Werber Werbung eigentlich scheiße finden. „Kunden-Bashing“ scheint in einigen Agenturen zum guten Ton zu gehören, höre ich auf dem Gang heraus. Ich habe richtig Bock auf dieses Jahr und sehe nicht ein, mir das (jetzt schon) versauen zu lassen. 

 

Sonntag, 06.10.2013

MS Stubnitz
MS Stubnitz

 

Ich schlafe lange, denn die Nacht war die lange. Ein sensationeller Abend mit vielem von dem, was ich in Berlin nur selten erleben durfte: abseitige und absurde Location, drückender Techno, neblige und industrielle Hafenstimmung, ein unfassbar guter Rausch, hübsche und interessante Frauen und ein sehr langer Morgen.

 

Am Abend lerne ich endlich meinen Mitbewohner und Gastgeber kennen. Ich weiß nicht wie ihm es geht, aber ich komme glaube ich super mit ihm zu recht. Halb zwei: schon wieder wenig Schlaf bis zum Weckerklingeln.

 

Freitag 05.10.2013

Kleine Pause
Kleine Pause

 

Nach dem Überwinden der Klippe des Einzugs und des ersten Schultages, falle ich in ein Loch. Donnerstag Feiertag, Freitag Brückentag, Wochenende. Für die verfügbare Zeit bin ich sehr dankbar. Denn meine Klamotten sind noch immer unausgepackt und mir droht Papierkram. Wie versichere ich mich eigentlich? Kranken-, Renten- und Sozialversicherung. Das Versorgungswerk der Rechtsanwälte zwingt mich zu einer Mitgliedschaft, solange ich eine Anwaltszulassung inne habe. Wenn ich meine Zulassung zurückgebe, fliege ich auch aus dem Versorgungswerk. Meine Ansprüche verpuffen, denn es gibt keine Überleitung in die gesetzliche Versicherung. Bla bla. Der ganze Freitag windet sich um solche Fragen.

 

Am Abend stehe ich vor der den Optionen Kino oder Singer-Slam. Das ist das Gleiche wie ein Poetry-Slam, nur mit Sängern. Liegt nahe. Ich vage den Slam. Dafür, dass es diese Slams anscheinend im Übermaß in Hamburg gibt, ist die Qualität passabel. Die Gewinnerin ist eine Russin, die sehr gekonnt und selbstironisch deutsch-russische Klischees aufgreift. Männer die trinken und Arschlöcher sind, Frauen, die nur auf Geld aus sind, aber dafür wunderhübsch. So vereinfacht die Darstellung auch sein mag, wer einmal eine Weile in Moskau war, erkennt da schon gewisse Parallelen zur Wirklichkeit.

 

Zuhause angekommen entschließe ich mich auch mal bei einem Slam mitzumachen. Mir hat mal jemand geschrieben, dass sie meine Anzeige für alte DJ-Hardware von mir so amüsant fand, dass ich unbedingt mal bei so einem Slam mitmachen sollte. Gesagt, getan. Das Skript ist in zwei Stunden geschrieben und in zwei Hangriffen in die Tonne gekloppt. Nur weil ich neuerdings ein bisschen für die Werbung schreibe, bin ich noch keine textliche Allzweckwaffe. Es ist halb vier morgens und um acht Uhr früh wollte ich aufstehen, um mir ein Fahrrad auf dem Flormarkt zu kaufen. Die Zeit für das Skript war verschwendeter Schlaf.

 

Irre sind menschlich
Die haben wohl ein "Katsche" vergessen. Ich nehms ihnen nicht übel...

01. Oktober (Abend)

"Erste Schultag" 

 

Das PS zuerst: Sorry, aber ich schaffe es nicht den Text jetzt noch Korrektur zu lesen. Das mache ich dann auch morgen. Bin vollkommen im Eimer...

 

Um 16 Uhr bekommen wir eine kurze Einführung darüber, was heute passiert. Jetzt wird ein Foto von uns gemacht, dass dann ein Jahr lang im Eingang der Schmiede als Collage hängt. Es ist meist das erste Foto, das die Dozenten von uns sehen. Gut. Ich trage wie immer gelb, denn das ist meine Lieblingsfarbe vor schwarz. Ansonsten ist bekanntlich nackt das neue Schwarz. Grün kommt auch gelegentlich vor, aber die anderen Farben lasse ich meist aus. Bis 18 Uhr haben wir dann Leerlauf und einige langweilen sich etwas. Aber es ist Zeit um sich kennenzulernen. Das klingt nett, ist es am Anfang auch. Aber nach acht oder zehn Mal die gleiche Geschichte erzählen und sich über die Wohnsituation erkundigen, geht auch mir die Sache etwas auf den Keks. Es ist der erste Schultag, ja. Aber die gleiche Veranstaltung hatte ich schon im Studium und im Referendariat und bei jeden Jobwechsel eigentlich auch.

 

Die Gruppe scheint wirklich bunt gemischt. Von spießig bis extrovertiert, von frischen 18 Jahren und grade Matura (Abi in Österreich) bis zu zweifache Mama, viele Musiker, eine Tänzerin, einige Kunstaffine, oder eben mich, 31 Jahre, ehemaliger Rechtsanwalt. Es scheinen mir viele sehr interessante Menschen und Biografien dabei zu sein und ich brenne darauf, mehr von jedem einzelnen zu erfahren. Nicht jeder oder jede ist mir bis aufs Mark sympathisch, aber heute herrscht auch in mehrfacher Hinsicht noch Ausnahmezustand und alle fühlen sich ein wenig unsicher und beobachtet. Einschließlich mir. Wobei ich mir recht viel Mühe gebe einfach durchzuatmen, einfach ich selbst zu sein und es nach dem Motto zu halten: „Life is far too important a thing ever to talk seriously about it." (Oskar der Wilde)

 

Uns wird auch offenbart, dass wir anstatt ein bis zwei Minuten nur einen Satz für unsere Vorstellung haben. Vertreter der Agenturen und der Fördermitglieder sind anwesend und wollen sich ein Bild machen, vor allem natürlich für das zweite Praktikum in sechs Monaten und wenn sie Dozenten an die Schmiede schicken. Wir sind 48 Studenten, die größte Klasse seit Geschichte der Schmiede. Wenn jeder zwei Minuten braucht und überzieht, dann sitzen wir ganz schön lange da. Verständlich. Dennoch: Wer ich bin und was ich hier bei der Schmiede suche in EINEM Satz? Das ist eine Challenge. Aber ich lege mir etwas zu recht was in die Richtung geht: „Nachdem ich seit Jahren davon erzähle, dass ich eigentlich immer etwas anderes machen wollte, als Anwalt zu sein, habe ich mir ein Herz genommen und will hier bei der Schmiede genau das machen und lernen, was ich immer tun wollte: Geschichten erzählen.“. Ein ziemlich langer Satz, aber immerhin ein Satz. Und eigentlich fast alles drin. Ein bisschen pathetisch vielleicht. Aber ich sehe eher albern und jugendlich aus, so dass der Fakt meines Anwaltseins vielleicht für ausreichend Kontrast sorgt.

 

 

Als wir uns langsam setzten und sich der Raum auf Zuschauerseite dicht gefüllt hat, geht mir der Puls so heftig, dass ich fast vom Stuhl kippe. Ich spüre nicht nur meine Halsschlagader, sondern sogar mein Herz pumpen. Rein physisch bin ich wahrscheinlich auf dem Stressniveau eines Urmensch auf der Flucht vor dem Säbelzahntiger. Wenn ich jetzt sprechen müsste, würde meine Stimme flattern und ich nicht einmal den Anfang des Satzes rausbekommen. Wahrscheinlich. Ich habe schon oft vor Menschen gesprochen. Auch vor wesentlich mehr als 60. Meistens merkt man mir die Nervosität nicht an. Aber manchmal schon. Ich bin heilfroh, dass der Leiter der Schmiede (Matthias Berg) und der Vorstandssprecher (Andreas Grabarz) noch aufmunternde und lockere Reden vorweg halten. Mir wird wieder klar: Mit diesen Menschen kannst Du einfach so sprechen, wie Du normalerweise auch sprichst. Das ist hier kein Haufen von Juristen, die von Dir die Rechtsprechung aus dem Wettbewerbsrecht referiert haben wollen. Es folgt eine schöne Rede eines Vorjahresabsolventen, der seine eigene Nervosität eingesteht und damit mir endgültig das Leben verlängert. Mein Puls sinkt langsam auf normal. Den Satz habe ich längst vergessen. Sofort nach seiner Rede startet die Vorstellungsrunde. Ich sitze in der ersten Reihe. Geordnet ist es alphabetisch und P liegt eben in der Mitte. Ich hatte vermutet, dass das ganze nach Körpergröße sortiert ist, aber das stimmte wohl nicht. Das Mikro ist bei mir. Ich finde es albern aufzustehen, denn in der ersten Reihe kann mich ja eh jeder der Zuschauer sehen. Außerdem werde ich eh nicht viel größer, wenn ich aufstehe. Also bleibe ich sitzen und sage so etwas wie „ich stehe schon“. Die Runde lacht noch als ich aufstehe. Ich erzähle in etwa so etwas wie das, was ich mir vorher überlegt hatte. Am Ende vergesse ich meinen Namen zu sagen und schiebe ihn noch hinterher.

 

Nachdem alle durch sind mit ihrer Vorstellung werden die Agenturen bekannt gegeben, bei denen wir die ersten sechs Monate Praktikum absolvieren. Es entscheidet das Los. Die zweiten sechs Monate sind vom eigenen Wunsch, der ersten Agentur und den Wünschen der Agenturen abhängig. Ich bekomme eine kleinere Agentur zugewiesen. Ich muss zugeben, dass mir der Name nichts sagt. Einige der HR-ler mit denen ich nachher spreche kennen die Agentur aber und meinen, dass sie gute Arbeit machen. Ich kann es eh nicht ändern und werde ohnehin versuchen das Beste rauszuholen, egal wo ich bin. Von einigen der größeren Agenturen werde ich am Abend umworben. Einige sogar ziemlich direkt, was mir sehr schmeichelt. Mit meinem „ich stehe schon“ Satz hätte ich den Vogel abgeschossen, sagt einer am Buffet. Ähnliches höre noch ein oder zwei mal. Vielleicht war es Situationskomik. Ich fand den Spruch an sich gar nicht so überragend und habe mich mehr über einige Kalauer weggeschmissen, die von Mitstudenten kamen. Einer hat bisher Schlafsofas gebaut, aber wollte sich nicht auf seinem Erfolg ausruhen. Ich hab mich gekringelt vor Lachen.

 

Insgesamt habe ich wohl eine ganz gute Figur gemacht und darf gespannt auf die zweite Runde schauen. Nun geht es ab nach Hause und mal herausfinden, was das eigentlich für ein Laden ist, bei ich die nächsten sechs Monate verbringe. Die Lage ist leider mehr als daneben für mich: Mein momentaner Wohnort, Texterschmiede und Agentur ergeben ein Dreieck um die Alster herum. Ich fahre also jeden Tag einmal rund und quer durch Hamburg. Na Mahlzeit.

 

Ich bin fix und alle. Eigentlich war es ganz entspannt, aber nervlich dann doch irgendwie so aufreibend, dass ich jetzt nur noch schlafen will. Morgen um 16 Uhr geht es weiter. Donnerstag ist Feiertag und Freitag Brückentag. Dafür bin ich sehr dankbar. Wahrscheinlich gebe ich meine Anwaltszulassung zurück und wechsel in die Künstler-Sozialkasse. Aber das muss ich mir nochmals durch den Kopf gehen lassen. Morgen.

 

Gute Nacht.

 

Ich suche übrigens noch ein Zimmer für den Rest der Zeit...
Sachen für ein Jahr. Auto geparkt.

 

Eintrag vom 01. Oktober 2013


Männertausch – nervös – Hausgeburt – Blitzkrieg – Bahnhof Hamburg-Altona

Plötzlich quatscht der kleine Mann im Ohr nicht mehr „zum letzten Mal“, sondern bei jeder Banalität, die ich erledige „zum ersten Mal“. Das kann er ruhig machen und fühlt sich wesentlich besser an: die erste Nacht, das erste Frühstück, der erste Tagebucheintrag, das erste Mal Groß (steht noch aus), die erste Dusche (schon zwei hinter mir), das erste Mal Wäsche waschen, Zähne putzen, Handy laden, ins Internet einloggen.

 

Mein Mitbewohner erklärt mir via Facebook, wie ich die Heizungen anbekomme, aber ich bekomme es auch mit Anleitung nicht hin. Im Wohnzimmer ist es warm, das recht mir für heute. Um 16 Uhr geht es los. Bin ich nervös? Ich würde wahrscheinlich lügen, wenn ich behaupten würde nein. Aber besser lügen als wirklich nervös sein. Insofern: nein, ich bin nicht nervös. Ich bin gespannt, neugierig. Und ich habe eigentlich auch noch eine Menge Papierkram zu machen bis heute Nachmittag. Vor allem noch Rechnungen schreiben für den ganzen Kram des letzten Monats. Und das ganze Versicherungs- und Steuerzeugs für die Schmiede heraussuchen. In meiner Familie herrschen ziemliche Spannungen, man könnte schon fast sagen, es sei Krieg ausgebrochen. Wer ihn begonnen hat weiß jetzt schon keiner mehr so genau, aber das ist bei Kriegen ja leider oft der Fall. Ich schiebe es bei Seite, denn die Beteiligten sind alt genug um das unter sich auszumachen und – so herzlos es klingen mag – ich muss mich grade wirklich um andere Dinge kümmern. Und ich will für niemanden Partei ergreifen. 

 

Zwei Minuten Vorstellung vor rund sechzig Leuten aus Werbe- und Schmiedeumfeld. Ich habe immer noch keine wirkliche Ahnung was ich sagen soll, aber mir wird schon was einfallen. Schlimmstenfalls rede ich halt eine Stunde statt eine Minute, aber es wird hoffentlich unterhaltsam. Soll das eher eine riesen Show werden oder am Boden geblieben? Mich in einen Kuhmagen einnähnen und live vor Ort gebären? So als Sinnbild für meinen Neuanfang hier bei der Schmiede? Wie komme ich eigentlich hin zur Schmiede? S-Bahn schätze ich. Wo bin ich eigentlich grade? Und wo ist die Schmiede nochmal?

 

T minus dreieinhalb Stunden.

 

Karre brechend voll
Katze am Sack

 

30. September 2013

 

Wilde Renate – zahme Liza – plangemäßer Umzug – Hausverbot – Berghain – Papa werden

 

Der Umzug war sehr entspannt, verlief plangemäß und ohne größere körperliche oder nervliche Anstrengungen. Meine paar Klamotten aus dem Schrank holen ging ja echt schnell und so viel Zeug braucht man ja auch gar nicht für ein Jahr. Die Malsachen wegpacken und Bilder bei einem Freund unterstellen, kurz mal durchwischen, fertig. So einfach geht das mit der Zwischenmiete und Abflug für ein Jahr.

 

Einmal, ein einziges Mal könnte es doch so laufen in meinem Leben, oder? Der Abschiedsabend am Freitag hat sicherlich das seinige dazu beigetragen, aber insgesamt habe ich mich schlicht und ergreifend total verkalkuliert. Statt Sonntag Mittag wurde es Montag Nachmittag, als ich endlich Richtung Hamburg los fuhr. Einundzwanzig Mal hoch und runter in den fünften Stock Altbau ohne Fahrstuhl. Und Putzen mit zwei Schnittwunden an beiden Händen war ebenfalls ein riesen Vergnügen. Weitere Details spare ich mir.

 

Als ich an dem grünen Eingangsschild „Freie und Hansestadt Hamburg“ vorbeifahre, bekomme ich plötzlich ein flaues Gefühl im Bauch. Ich ziehe grade tatsächlich nach Hamburg und beim nächsten Tageslicht werde ich den ersten Fuß in die Texterschmiede setzen. Den zweiten hoffentlich auch. Hoffentlich habe ich dabei auch Klamotten an. 

 

Bis ich etwas Längerfristiges gefunden habe, habe ich ein Zimmer zur Zwischenmiete. Wie versprochen steht in meinem Zimmer nur eine Matratze, zwei kleine Hocker und ein Kaffeetisch. Die Heizung läuft mit Gas und ist aus. Ich bastel herum und siehe da: nix passiert. Das Haus steht, aber es ist kalt. Draußen sind es drei Grad. Im Wohnzimmer ist die Heizung an, also schlafe ich da.

 

Mein Gastgeber ist diese Woche im Urlaub. Ich schreibe ihm morgen, ich bin zu fertig für solche Mails oder Fragen. Zudem beschäftigt mich ein vierzehn-Personen-Chat auf Facebook viel mehr: Chris, mein ehemaliger Mitbewohner aus Moskau, ist im Krankenhaus. Seine Frau wirft. Moskauer staatliche Krankenhäuser sehen aus wie Gefängnisse und scheinen ähnliche Besuchs- und Informationspolitik zu fahren. Sie wird operiert, es dauert etwa 20 Minuten. Mehr Informationen gibt es nicht. Für mehr als eine Stunde. Es dreht vollkommen am Rad – verständlich. Im Chat sind zum Glück lauter Mütter, eine Ärztin und jemand mit offenkundig ausreichend Russland-Erfahrung. Alle beruhigen ihn. In Moskau ist inzwischen kalendarisch der erste Oktober. Tag der Einschulung an der Texterschmiede. Um 00:12 Uhr wird die kleine Charlotte geboren. 54cm und 3800 Gramm, Kaiserschnitt. Einfach zu groß für so eine zierliche Liza. 

 

Dass sein Baby grade heute das Licht der Welt erblickt, hinterlässt einen etwas irritierten Katsche. Chris war einer der Menschen, der viele meiner Einsichten geprägt hat, die zu meinem „Plan A“ geführt haben und damit auch hin zu der Texterschmiede. Dass ich nicht mein Leben lang Anwalt sein darf ist eine dieser Einsichten, die in der Zeit in Moksau und mit Chris als Mitbewohner reiften. Es war bis dahin sicherlich alles ganz ok und ich bin niemand, der „große Fehler“ beschwört. Aber weitere zehn oder dreißig Jahre mit Jura? Nein. Aus diesem Holz bin ich nicht geschnitzt. Aus welchem Holz ich geschnitzt bin, wusste ich auch damals noch nicht. Aber die Entscheidung Schluss zu machen, fiel in Moskau.

 

Dass nun der Beginn der Texterschmiede mit dem Schnitt in Lizas Bauch zusammenfällt, klingt für mich ein wenig ein Film. Mal sehen, wo das alles hinführt. Der Beginn des Films ist jedenfalls still und dramatisch.

 

PS: „Renates Heimkinder Gang Bang“ im Club „Salon zur wilden Renate“ hat meiner Ansicht nach mindestens in zweifacher Hinsicht eine Namenänderung nötig, wenn man dort um sechs Uhr rausfliegt, nur weil man mal ein bisschen nackt unten rum ist.

PSS: Lieber Sven, vielen Dank, dass Du diese komischen Gestalten am Samstag morgen nicht mehr reingelassen hast. Ich wollte eh nur noch Pommes und ins Bett, aber die zwei anderen waren echt noch auf (noch mehr) Techno aus.

 

Eintrag vom 29.09.2013

"Schnitt"

Packen, putzen, in den Finger schneiden, Freunde helfen, Freunde gehen, Schreianfall, packen, putzen... und wieder von vorne. Ich wollte doch nur die paar Klamotten einpacken und dann sollte alles fertig sein. Denkste. Meine Zwischenmieterin ist schon eingezogen und wundert sich selbst. Mit einem Koffer kam sie nach Berlin vor einem Jahr und inzwischen sind daraus fünf Umzugskisten und diverse Taschen geworden. Plus der Koffer. 

 

Es war ein wunderschöner Tag in Berlin. Das Wetter jedenfalls war wundervoll. Ich bin froh darüber im Stress zu sein. Schnell noch meinen Ersatzschlüssel aus Neukölln abholen, ein Auto für den Transprt von Freunden geliehen bekommen, Flaschen runterbringen, Papiermüll und kaum oben angekommen, sieht es irgendwie immer noch aus, als würde einziehen nicht ausziehen. Zum Glück ist der Tag so stressig und ich heute Abend sehr wahrscheinlich so im Eimer, dass ich nicht mehr sentinemtal werden kann. Das würde ich nämlich sonst. Ich hasse dieses kleine Männchen im Ohr, das die ganze Zeit "das letzte" Mal flüstert und sich dabei anhört, wie eine alte Liebe. Dabei ist das ja Unsinn, wahrscheinlich komme ich doch in einem Jahr wieder. Aber sogar Kloputzen kann mit diesem Männchen im Ohr zu einem Heulanfall führen. Könnte. Ich heule natürlich nie, trage Narben von Schuss- und Stichwunden am Körper und sogar mein Kuli hat dichtes Brusthaar. Mit dem schreibe ich grade diese Zeilen vor. Wohl zum letzten Mal bei Berliner Tageslicht. 

 

Eintrag vom 27.09.2013

"Abschied"


Ich nehme Abschied von Berlin. Zum weiten Mal diese Woche. Mittwoch waren Freunde bei mir zuhause zum Essen. Heute geht es in mein zweites Wohnzimmer, die Brut Bar, Torstraße. Ich war bei weitem nicht jeden Tag und jedes Wochenende dort. Aber immer wenn ich dort war, fühlte ich etwas. Etwas besonderes. Einen Ort zu haben, wo man sich mit niemanden zu verabreden braucht, der keinen Plan braucht, weil immer einer meiner Freunde dort ist, vor oder hinter der Bar. Das werde ich vermissen, denke ich.

 

Mittwoch war es leise, heute wird es laut. „Wir hätten viel mehr machen sollen eigentlich“, höre ich einige Male. Das schmeichelt mir natürlich. Menschen sagen so etwas aber auch gerne. Nicht nur wegen mir. Sie mögen Abschiede. Sie kommen gerne zu solchen Anlässen. Zu einem „letzten Mal“.

 

Wer sich verabschiedet, der geht an einen anderen Ort, zu neuen Menschen, einem anderen Leben; oder einfach nur nach Hause, weil er das letzte Bier zu oft bestellt hat und jetzt wirklich keinen Schnaps mehr trinken kann. Er lässt Menschen zurück.

 

Auch wenn räumliche Distanz nicht mehr das Gleiche ist wie zu Zeiten der Postkutsche: Plötzlich liegt etwas zwischen uns. Eben war er noch so nah. Auch wenn ich es eigentlich nicht gespürt habe. Warum geht er? Soll ich vielleicht mit? Muss ich vielleicht mit? Nicht nach Hamburg mit, aber irgendwie woanders hin? In eine andere Stadt? Ein neues Land? Oder zurück in meine Heimat? Zurück nach Köln? Ich will raus.

Raus in die weite Welt.

Auf dem Stuhl, auf dem ich grade sitze,

will ich,

allein,

mit allen meinen Freunden,

raus,

in die weite, kleine Welt

in mir.

 

Abschied.

 

...wollen auch erst einmal gemalt werden
64 kleine Krieger...

Eintrag vom 23.09.2013

 

Post wegen "Einschulung" – Bilderstapel – Leute mit Papierkügelchen bewerfen – Dr. Xavier

 

Die Zwischenmiete in Hamburg ist gesichert. Zumindest für die ersten Monate. Das sorgt erst einmal für Entspannung. 

 

In meiner Wohnung stehen die Umzugskartons und die Bilder stapeln sich. Die ersten Verkäufe bringe ich morgen zur Post, einen liefere ich in der Nachbarschaft ab und zwei Interessenten aus Stuttgart kommen vorbei, die schon vier Arbeiten in Auftrag gegeben haben. Ich komme kaum noch hinterher beim Malen und Schreiben. Die Zeit rast. Noch immer oder fast immer weniger kann ich mir vorstellen, wie es nächste Woche losgehen soll. Eine E-Mail der Texterschmiede hilft (die scheinen das schon mal gemacht zu haben und die Gedanken ihrer Pappenheimer zu kennen):

 

„...am Dienstag, den 01. Oktober, 16.00 Uhr ist es endlich soweit: Wir starten mit Euch in den 20. Studiengang!

 

Am Eröffnungsabend erwarten wir ca. 60 Gäste aus den Agenturen (Personaler, Kreative und Freunde der Texterschmiede), die schon gespannt darauf sind, Euch kennen zu lernen.

 

Von 16-18 Uhr werdet Ihr von uns zunächst fotografiert und wir erzählen Euch Näheres über den Ablauf des Abends. Jetzt schon mal vorab, damit Ihr Euch vorbereiten könnt, die Info: Ihr werdet an dem Abend gebeten Euch einzeln kurz (1-2 Minuten) vorzustellen, damit die Agenturvertreter einen ersten Eindruck von Euch gewinnen können. Schön wären einige Sätze darüber, woher Ihr kommt, was Ihr bisher gemacht habt, warum Ihr das Studium machen bzw. Texter werden wollt o.ä. Und das am besten so, dass man sich an Euch erinnert. Alles klar? Wenn nicht - gern melden.

 

Bis Dienstag, viele liebe Grüße“

 

Oha. Eine Rede also. Nee, da bereite ich nix vor. In den letzten Wochen habe ich gefühlten zweitausend Menschen erzählt, was ich bisher so gemacht habe und warum ich mir den Ast abfreue an die Schmiede zu dürfen. Das wird irgendwie aus dem Ärmel geschüttelt.

 

Es gibt nichts Schlimmeres als gekünstelte Reden und Vorstellungen. Fraglich ist eher: Was bedeutet „an dem Abend“? Bringen wir den Schnack schnell hinter uns? Werden wir acht Stunden auf die Folter gespannt, bevor wir an den Pranger dürfen? Darf ich mich vorher betrinken? Danach? Stehe ich auf einem einsamen Podest und werde (danach oder währenddessen) mit Papierkugel beworfen?

 

Angeblich werden die Agenturen ausgelost, denen mal als erstes seine Praktikantendienste antuen darf. Das ist ja irgendwie auch fair. Dieses Vorstellungsprocedere lässt mich nun doch etwas zweifeln. Ändern kann ich es ohnehin nicht, also lieber mal: weitermalen. Und schreiben.

 

Vielleicht sollte ich doch jetzt schon etwas vorschreiben für den Abend? Oder vortrinken?

 

Eintrag vom 21.09.2013

 


Ich fühle mich, als würde etwas wirklich Gutes passieren. Demnächst. Oder vielleicht schon früher.

 

Die Stadt leuchtet und Musik schleicht grinsend über die Dächer. Als würde etwas wirklich Gutes passieren. Demnächst. Oder grade jetzt.  

 

Drei Einträge vom 18.09.2013

 

Weltrettung durch Krieg – Brechreiz – 300 EUR – Karstadt kaufen – Papas Dickkopf – ein Grund für ein Jurastudium – 100 EUR – Obdach & Nahrung – Mamas Stolz

 

Mittag

Wo bin ich? Berlin. Immer noch. Eigentlich will ich auch gar nicht weg. An Plan A zu schrauben, der Seite zu basteln, die Gespräche und E-Mails drum herum, das Feedback zu dem Projekt, die Malerei und Rumkonzeptioniererei... Alles sehr anstrengend und ich muss mich um halb fünf auch mal ins Bett schicken. Aber es fühlt sich wahnsinnig gut an.

 

Die Wohnung in Berlin ist untervermietet, insofern sollte ich langsam mal ein Obdach in Hamburg finden. Noch 12 Tage, dann soll ich im Zug oder Auto sitzen und meine neue Heimat betreten. Heute wieder eine Absage für eine Wohnung. Der Vormieter versteht die Welt auch nicht, aber kann an der Entscheidung der Hausverwaltung auch nichts rütteln. Was willste machen. „Mund abwischen, weiter gehts“, hat meine Chefin in der Kanzlei immer so charmant gesagt.

 

Wohnungen, Jobs, Kindergartenplätze, Visa, Asyl, WM-Tickets: Um alles muss man sich ja heutzutage „bewerben“. Das halbe Leben besteht nur noch aus Bewerbungen. Den Spieß mal umdrehen. Das wäre großartig. In Sachen Wohnung hat man es als zuverlässiger Angestellter bei einem bekannten großen und damit zuverlässigen Unternehmen viel leichter. Die Deutsche Bank zum Beispiel. Oder Goldman Sachs. Oder die Dresdner Bank, oder Lehman Brothers. Wer will schon Kreative und dann auch noch am schlimmsten in der Ausbildung, oder noch schlimmer als am schlimmsten: Freiberufler. 300 EUR Miete im Monat peile ich an. Was sollte Karstadt nochmal kosten? Wenn man die Dinger kauft, kann man sicher doch auch irgendwo drin wohnen, oder?

 

Abend

Obwohl ich schon fast seit 16 Jahren nicht mehr regelmäßig zuhause wohne, ist mir die Meinung meiner Eltern wichtig. Wir können wahrscheinlich 50 Jahre außer hause wohnen und kaum noch ein Wort mit unseren Eltern sprechen, aber für die meisten ist und bleibt die Meinung der Eltern wichtig.

 

Meine zwei Teile haben sich schon kurz nach meiner Geburt daran gewöhnt, dass ich für jede Menge Überraschungen gut bin und es kaum Sinn macht, mir irgendetwas vorzuschreiben. Ich bin nicht antiautoritär erzogen. Eher konservativ mit einem, sagen wir „liberalen“, Einschlag. Aber an gewissen Punkten wusste meine Mutter immer, wenn es keinen Sinn mehr macht, mir etwas vorzuschreiben. Den Dickkopf habe ich von meinem Vater. Danke dafür, ich mag ihn (Kopf und Vater).

 

Anderseits haben sie sich auch gefreut, als ich mit dem Plan um die Ecke kam, Jura zu studieren. Bis zu diesem Moment hatte ich vor etwa 30 Geisteswissenschaften gleichzeitig zu studieren und mit diesem allumfassenden Wissen die Welt zu retten. Notfalls auch mit Krieg. Jedenfalls gegen Papiersoldaten. Und obwohl sie beide sahen wie unwohl ich mich in dem Studium fühlte: Sie waren voller Stolz, als ich beide Examen abgelegt hatte, mich Anwalt nennen durfte und in große gläserne Bürohäuser lief – gekleidet in feinstem Zwirn. Ihr Stolz wurde mein Stolz. Zu einem gewissen Teil. Dieser Stolz war sicherlich auch einer der Faktoren, die mich von einem früheren „Abbruch“ abgehalten haben. Das ist keine Schuldzuweisung. Es liegt ja immer an einem selbst, welche Wahl man trifft. Rote Pille. Weiße Pille.

 

Nacht

Auch wenn ich mir von meinen Eltern immer recht wenig sagen ließ und die Entscheidungen, die mich betrafen, ohne Blick auf sie traf: es ist schön, wenn Eltern stolz auf einen sind. Meine Absage an Jura traf meine Eltern hart und ihre Reaktion traf daher mich hart. Beim ersten Mal hatte ich den Eindruck, sie waren enttäuscht und glaubten auch nicht, dass ich den Rest meines Lebens House-DJs an Nachtclubs und Festivals verscherbeln werde. Sie hatten auch recht und nach dem Job kam erst einmal wieder Anwalt auf die Tagesordnung.

 

Zuletzt hatte ich den Eindruck, mein Vater resigniert ein wenig, aber akzeptiert meine Entscheidung im Grunde. Er glaubt daran, dass ich schon irgendwann mal an Geld kommen werde. Achso ja: und an Glück auch.

 

Meine Mutter schien mir jedoch heimlich sehr beunruhigt, ließ mich machen, aber war im Grunde gegen meinen Weg zum „Kreativen“. Umso überraschender war unser letztes Gespräch in Berlin. Sie selbst habe ja auch immer etwas anderes machen wollen als Lehrerin zu sein. Zwei mal habe sie sogar gekündigt, aber sich immer wieder von der Schule bequatschen lassen. Sie hätte das Zeug dazu gehabt eine fabelhafte Architektin zu werden. Sie bereut es. Nur damals habe man ja kaum den Beruf gewechselt. Allenfalls den Fulltime Job „Mama“ ergriffen. Die Zeiten hätten sich ja geändert. „Zum Glück“, findet sie.

 

Natürlich hat sie auch Angst wegen der ganzen Schulden, die ich für meine Ausbildung an der Texterschmiede mache. Irgendwann muss ich das Geld den Banken und Freunden ja wieder zurückzahlen. Ich selbst hasse Schulden und habe bisher noch nie einen höheren Betrag als 100 EUR für länger als zwei Tage irgendjemanden geschuldet. Aber im Grunde versteht mich. Sehr gut sogar. Wie sie das sagt, klingt es fast so, als sei sie tatsächlich wieder ein bisschen stolz auf mich. Auch ohne Anwaltshut.

 

Obdach wird sich schon finden. Morgen geht die Suche weiter.

 

"Doubt is not a pleasant condition, but certainty is absurd" – Voltaire

15.09.2013 "Chantré und Champus"

 

„Plan A“ als Kinofilm – neue Freundin – Wohnungsräumung – zuverlässig wie ein Techno DJ – Kekse oder Ledersofa – nicht mit Details aufhalten.

 

Zunächst großartige Neuigkeiten: Ein deutscher Regisseur und Schauspieler will meine Berliner Wohnung für zwei Monate zur Untermiete nehmen. Die Miete und ein kleiner Zuschlag für die Möblierung sollen mich um ein organisatorisches Problem erleichtern und die finanzielle Situation etwas entspannen. Ich mag seine Geschichten und vielleicht hätte er ja auch meine gemocht. Gestern kam dann doch die Absage von Herrn Regisseur – natürlich via Assistentin, die aber sehr reizend und voller ehrlichem, schlechtem Gewissen war. Es wäre ein großartiger Nebeneffekt gewesen. „Plan A“ als Kinofilm... Für die Zeit nach dem Filmkerl hatte ich auch schon einen Mietinteressenten. Aber solange man keine Unterschrift unter einem Vertrag hat, kann man sich – grade in gewissen Branchen – einfach auf nichts und niemanden verlassen.

 

Spätestens seit meinem ersten Versuch mich von Jura loszusagen, kenne ich diese Zuverlässigkeit: Wenn man House-DJs an Clubs und Festivals verscherbelt, lernt man mit diesen „tausendprozentigen“ Zusagen umzugehen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass in dem Moment der Zusage alles tausendprozentig war. Nur ändert sich die Ansicht leider dann doch immer mal wieder „unvorhergesehen“ und „ohne dass man selbst etwas dafür kann“. Wie gesagt: Ich kenne das Spiel und komme damit zurecht. Ein wenig ärgerlich ist es trotzdem jedes mal, denn es geht Zeit und Energie verloren. Zudem platzt dieses Mal auch mein kleiner kurzer Traum davon, schon ganz früh „entdeckt“ zu werden. Hochmut, Fall, kleines Aua. Weiter gehts.

 

Die Alternative zur Untervermietung: Wohnung aufgeben und alle meine Sachen raus. Die Bude liegt im fünften Stock eines Altbaus ohne Aufzug. Ohne erhebliche Mengen an Freunden oder Geld zu verlieren, ist es nicht möglich die Sachen aus dieser Bude zu bekommen. Den Einzug hat meine alte Firma gezahlt. Solchen Luxus genießt man als Anwalt, aber als frisch gebackener Texter darf ich mich in einem Jahr wahrscheinlich freuen, wenn ich eine Packung Kekse zum Einstand geschenkt bekomme. Selbst wenn ich die Sachen alle aus der Wohnung bekäme, bliebe ohnehin noch zu klären: Wohin mit dem Kram? Und für wie lange? Wohnungsaufgabe streiche ich als Alternative von meiner Liste.

 

Ziemlich sicher werde ich mir diese Wohnung gleich nach der Texterschmiede nicht wieder leisten können. Vielleicht zusammen mit meiner Freundin? Die müsste sich im nächsten Jahr auch erst einmal finden. Also weiter Fragezeichen über mir.

 

Meine Mutter war dieses Wochenende in Berlin zu Besuch und hat schon einmal zwei Kartons in die Kölner Heimat transportiert. Sachen, die im nächsten Jahr eh nicht brauche: Biergläser und Snowboardklamotten, Neoprenanzug. Ob diese Sachen jemals diese Wohnung wiedersehen werden, kann ich heute nicht sagen. Dazu müsste ich einige Unklarheiten beseitigen: Wie geht es nach dem Jahr weiter? Agenturjob in Berlin? In Hamburg, Istanbul oder Bochum? Ein eigener Laden? Berühmter Künstler, scheiß auf Wohnung, ich mach den Udo und ziehe ins Hotel? Total versoffen und kläglich gescheitert? Wann bin ich wieder schuldenfrei? Wenn ich unter der Brücke schlafe: bringt mir dann ein Ledersofa noch was? Alles ungewiss, außer: Ledersofas sind immer geil.

 

Nach langem Hin und Her ist die Wohnung seit heute Nachmittag endlich untervermietet. Genau kostendeckend, ohne einen Cent für die gesamte Möblierung. Die Mieterin ist sehr nett und ich bin sicher, dass sie mit meinen Sachen und der Wohnung gut umgehen wird. Das ist ja auch eine Menge wert.

 

Für mich wirkt Plan A manchmal ganz schön planlos. Aber was solls. Das „große Ganze“ zählt. Nicht mit Details aufhalten. Ein Fragezeichen weniger, ein Schritt weiter. Ich mache die Mukke laut und ärgere noch einmal die Nachbarn von gegenüber. Zur Feier des Tages Champagner? Oder gleich Chantré und Korn? Alles mischen? Oder wie wäre es mal wieder mit... Kino?

 

 

09.09.2013 "Der falsche Film"

 

Noch drei Wochen bis in Hamburg mein erster „Schultag“ droht. De facto habe ich noch eine ganze Menge zu erledigen bis dahin, und wahrscheinlich hätte ich einige Gründe vollkommen am Rad zu drehen: Meine Wohnung in Berlin ist noch immer nicht zwischenvermietet, in Hamburg habe ich noch kein Zimmer und meine Kriegskasse für das nächste Jahr hat noch einiges an Luft in der Dose. Bis zum Ende der Akademie reichen die Mittel bisher nicht. Aber es wird schon irgendwie klappen. Aufgeben? Rückzieher? Auf keinen Fall.

 

Nach meinem letzten vollen Arbeitstag bei meiner alten Stelle erwarten mich Zuhause Rechnungen und Papierkram. Versicherungen, Stromkonzerne, Banken, alle wollen irgendwas von mir. Natürlich ist das das ganz normale Leben. Aber es ist so alltäglich und alles um mich herum sieht so wenig nach Wechsel aus, dass ich mich unter Dusche kneifen musste um zu realisieren, dass ein neues Kapitel bereits sehr kurz vor meiner Türe steht. Das Kapitel kratzt sich noch am Bart und rückt seine Mütze zurecht, aber der Finger wandert schon in Richtung Haustürklingel.

 

Noch zwei halbe Tage habe ich meinem alten Job und ich habe meine Ablagefächer bereits gelehrt. Es fühlt sich merkwürdig an, unwirklich. Heute war ein Tag des Wechsels in der Firma. Menschen kommen und Menschen gehen. Wir sind leider doch alle in gewissem Maße austauschbar. Wie eine Filmrolle. Unser eigener Film wird manchmal ausgetauscht. Wir fallen von einer Rolle in die nächste. Manchmal stolpern wir selbst in den nächsten Film, manchmal werden wir geschubst. Manchmal gewollt. Manchmal ungewollt. In drei Wochen ist mein erster Schultag.

 

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Plan A will ermutigen, endlich "Dein Ding" zu machen. Folge Plan A, lies die Geschichten, fühl Dich inspiriert, erinnert und wenn Dir die Kunst gefällt: kaufen. 

 

Easy wie Currywurst.

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Easy wie Currywurst.